Dezember

Sehnsucht nach Fülle

Sehnsucht nach der heilen Welt: Eschatologie, Maria, Geburt Jesu, aber auch Wendezeit: Rückblick und Hoffnung ins Unbekannte

Predigt:

Der Eindruck, den Gott hinterlässt

Autorin: Gisela Natt
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Es ist Advent!
Der erste Advent.
Jetzt beginnt diese besondere Zeit.
Ich blättere in meinen Kalender
Und sehe:
Am Donnerstag ist die Adventsfeier mit dem Sportverein.
Am Wochenende das Adventsglühen rund um die Kirche.
Den nächsten Mittwoch das Gänseessen mit den Frühschwimmern.
Dann die Feier im Kindergarten.
Die Feuerwehr lädt zu Glühwein und Würstchen ein. Und fragt: Wer kann helfen.
Die Schule führt ein Weihnachtsmärchen auf.
Die Kollegen suchen einen Termin für einen gemütlichen Adventsabend.
Die Chöre geben Konzerte.
Die Kirchengemeinde hat wieder den großen Bazar zur Unterstützung der Kindernothilfe.
Mit den Freunden will ich auf Weihnachtsmarkt.
Ach, wie dumm, hier überschneiden sich die Termine.
Während ich schaue und blättere, ob denn irgendwo noch ein Nachmittag oder ein Abend frei ist, denke ich: „Diese Zeit die galoppiert doch daher wie ein schnelles Pferd.“
Und ich sehe mich auf diesem Pferd sitzen, wie ich die Zügel festhalte, wie ich in einem Affenzahn durch hetze von einem Termin zum anderen.
Wie ich aufpassen muss, nicht schlapp zu machen und runter zu fallen.
Dann denke ich noch an das, was auch sonst noch zu erledigen ist:
Plätzchen backen für die Familie, Hosen nähen für die Enkel, Mützen stricken für die Kinder, den feinen Likör herstellen für den Mann. Briefe schreiben an die Freunde.
Vom Geschenkekauf ganz abgesehen.
Das alles breitet sich vor meinem inneren Auge aus
– und ich empfinde plötzlich eine seltsame Leere.
Wie ausgebrannt komme ich mir jetzt schon vor.
Ich ahne, noch mehr Termine füllen diese Leere nicht aus.
Ich merke, ich brauche etwas anderes.
Ich suche etwas anderes.
Schon etwas, das mich auffüllt, aber so, dass es mich erfüllt.
Was Emotionales, mit einer eigenen Kraft und einer eigenen Stärke.
Das mir nachgeht und vom dem ich zehren kann.
Gewiss, ich mag den Trubel und am Glühweinstand „Stille Nacht“ hören.
Aber ich ahne, außer Ablenkung und Spaß ist dort nichts zu finden.
Darum gehe ich auf die Suche. 
II
Ich lese diverse Gedankensplitter zur Weihnachtszeit.
Ich finde Bilder, die den Advent festhalten mit Schnee, Kerzenlicht und Tannengrün.
Ich stoße auf einen Text in der Bibel.
Der spricht genau von dem, was ich suche,
von der Langsamkeit,
die ganz gemächlich daher kommt,
wie auf einem Esel,
der in kleinen Trippelschritten vorwärts geht
und zwischendrin stehen bleibt.
Auch hier sitzt einer obenauf.
Einer aber, der Zeit hat.
Den nichts hetzt.
Der sich einlassen kann
auf den Augenblick.
Kinder laufen neben ihm her.
Erwachsene rufen ihm entgegen.
Winken.
Er hält an.
Er schaut sie an,
die Kinder, die Erwachsenen.
Er spricht zu ihnen.
Er berührt sie,
die Menschen
und alle, die da auf ihn warten.
Die ihn suchen.
Die ihn brauchen.
„Und siehe“ so heißt es in diesem Text, „siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“
Der Gerechte und der Helfer.
Das ist es.
Er kommt zu denen, die ihm vertrauen.
Er kommt zu denen, die auf ihn hoffen.
Er kommt und er ist da
Und er gibt.
Er wird sich selbst als Wache um sein Haus lagern, so dass keiner dort hin- und herziehe und nicht mehr der Treiber über sie komme; denn er sieht nun darauf mit seinen Augen.
Gott selbst legt sich um das Haus.
Bewacht es mit seiner ganzen Kraft.
Als der Starke!
Jetzt können alle loslassen.
Alles kann abfallen, was drückt und treibt, was ängstigt und Sorgen macht.
Er ist ja da!
Jetzt können sie ruhig schlafen.
Wie die Kinder in ihrem Bett, die wissen, die Mutter wacht.
Sie passt auf, streichelt, singt
Weißt du wie viel Sternlein stehen.
Und das Kind wird gut in den Schlaf finden,
die Träume verlieren ihren Schrecken.
Denn Er selbst lagert sich um alle, die zu ihm gehören,
um sein ganzes Haus!
Und nie mehr, ja nie mehr, wird ihnen etwas Leids geschehen.
III
Ich merke,
wie schon beim Lesen dieser Worte und Bilder sie ausbreiten, wovon sie sprechen:
Schutz und Frieden.
Wärme und Licht.
Behütetsein.
Ich lasse mich weiter auf diese Worte ein.
Nehme die Bilder in mich auf.
Und diese breiten sich in mir aus wie „von einem Meer bis zum andern“.
Sie sind der Frieden „vom Strom bis an die Enden der Erde“.
Es geschieht, was da steht.
Jetzt weiß ich: Das ist Advent.
Und dann stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn das die ganze Welt erreicht.
Wenn alle „Kriegsbögen zerbrechen. “ Weil „er Frieden den Völkern gebietet“.
Niemand mehr muss sich selber schützen,
Keiner muss mehr Angst haben.
Denn da ist dies andere, was so erfüllt,
was stärker ist als Pfeile und Speere,
was stärker ist als Trubel und Ablenkung,
Hetze und Stress,
Treiben und Getrieben werden.
Wie schön wäre eine so verwandelte Welt.
Für mich ist sie schon verwandelt.
Jetzt.
Mit dem, was Gott durch sein Wort in ihr ausbreitet.
Schutz und Frieden.
Wärme und Licht.
Vergessen in der Zeit,
erfüllt im Herzen.
IV
Ich stehe mit beiden Beinen im Leben. Ich feier gern. Ich hab auch nichts gegen Termine.
Ich freue mich darauf, mit den Freunden auf den Weihnachtsmarkt zu gehen und dort zum x-ten Mal „Stille Nacht“ zu hören.
Aber ich will diesen Eindruck, den Gott in mir hinterlässt, festhalten.
Ich will ihn erinnern, will ihn bewahren.
Will seine ganz Kraft so immer wieder neu tanken.
Ich will aus diesem Schutz leben, und mit ihm durch die bunte Adventszeit gehen.
Ich bin überzeugt: das wirkt weiter.
Nicht nur für mich, sondern auch für die anderen.
V
Liebe Gemeinde!
Gott kommt!
Siehe, dein König kommt zu dir, der Gerechte und der Helfer.
Er ist der Starke.
Er hilft.
Er ist der Schutz.
Und sie wird weichen, diese Leere, genauso wie Unruhe und Sorge, diese falschen Herren unserer Herzen.
Lasst uns jubeln.
Tochter Zion! Freue dich!
Tochter Jerusalem, jauchze!
Amen.
 
 
 

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