Weihnachten

Gott kommt zur Welt

Die zwei Aspekte des Weihnachtsfestes: Gott wird Mensch (Heiligabend und Christfest I) und Gott offenbart seine Herrlichkeit in Jesus von Nazareth (Epiphanias)

Predigt:

Gotteskinder - Wir sind es!

Autorin: Christina Costanza
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Gotteskinder - wir sind es! von Christina Costanza
Predigt zu 1 Johannes 3,1-6
 
I
Weihnachten ist ein Fest für Kinder. Das geht los mit den Süßigkeiten und hört bei den verkleideten Gestalten und den Geschenken noch lange nicht auf. Alles glitzert und leuchtet, die Straßen und Plätze verwandelt in eine Traum- und Spiellandschaft.
Die Lieder und Geschichten, die Düfte und Geschmäcker von Weihnachten, sie lassen Erinnerungen an die eigene Kindheit aufsteigen. Schöne Erinnerungen. Und traurige Erinnerungen:
Wie sie waren, die ersten Weihnachten meines Lebens.
Oder wie es war, gerade erwachsen und aus dem Haus, zu Weihnachten nach Hause zu kommen.
Manche erinnern sich an das erste Weihnachten mit einem eigenen Kind.
Oder an die vielen Weihnachten, an denen dieses Kind gefehlt hat.
Weihnachten ist ein Fest für Kinder. Aber nicht, weil man Weihnachten am besten mit Menschen zwischen null und zehn Jahren feiern könnte. Wer genau hinschaut, der entdeckt etwas Anderes in dieser Krippenszene, auf die wir schauen. Eine tiefere Wahrheit, die in Freude und in Traurigkeit gilt. Ein unbekannter Mensch hat sie ungefähr hundert Jahre nach der Geburt Jesu aufgeschrieben, in einem Brief, den wir heute den 1. Johannesbrief nennen. Da steht:
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! (V. 1)
 
II
Seht: In der Krippe liegt Gottes Sohn. Und alle, die auf die Krippe schauen, sind selber Gottes Kinder. Das ist der Grund, warum Weihnachten ein echtes Kinderfest ist.
Dass Menschenkinder Gotteskinder sind, das wird in der Bibel immer wieder gesagt - schon ganz am Anfang in den fünf Büchern Mose zum Volk Israel: Ihr seid Kinder des HERRN, eures Gottes. (Dtn 14,1.) Im Neuen Testament sind es die Christinnen und Christen, die Kinder Gottes genannt werden. Wer an Jesus Christus, den Gottessohn glaubt, hat die Macht selber Gotteskind zu werden (Joh 1,12). Und das gilt dann auch für die, die wie Jesus leben: Wer Frieden stiftet, wird Gottes Kind heißen (Mt 5,9).
Das Besondere an den Worten, die wir heute hören: Es gibt kein Wenn und Aber. Nicht, weil wir etwas Bestimmtes tun oder glauben, sondern weil Gott uns liebt, werden wir Gottes Kinder genannt. Und nicht nur genannt: Wir sind es auch! Ausrufezeichen!
Das ist eine Wahrheit, die hinter der biologischen und sozialen Wahrheit liegt, dass alle Menschen von Menschen abstammen, von ihnen gezeugt und geboren, ernährt und großgezogen wurden. Dass Menschen Gottes Kinder sind, das heißt: Sie sind wie die Schöpfung selber sehr gut. Wunderbar gemacht.
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen: Wenn ich in das Gesicht eines Neugeborenen schaue, fällt es mir leicht, dieses Wesen als Gotteskind zu sehen. In dem kleinen Gesicht, in den geschlossenen oder tiefblauen Augen leuchtet etwas auf vom göttlichen Ursprung allen Lebens. Und vom Wunder, dass es dieses Leben gibt. So manchem springt das Herz fröhlich, wann immer er ein Neugeborenes sieht (EG 36), so manche kann sich nicht satt sehen an dem neuen Leben (EG 37). Und das gilt auch und gerade dann, wenn das neugeborene Leben schwach ist oder krank oder zerbrechlich.
 
III
Wir sind alle Gotteskinder! Was bedeutet das für die Art und Weise, wie ich mich selber sehe und mit mir umgehe? Was bedeutet das für die Beziehung zu meinen Kindern, überhaupt zu Kindern, wenn es wahr ist, dass sie in Wahrheit Söhne und Töchter Gottes sind?
Im Kind, wie es in der Krippe liegt, sehen wir das Bild Gottes. Dieses Bild leuchtet auch auf in jedem Kind. Ich glaube, dass Gott uns allen mit der Geburt etwas mitgegeben hat, „das aus dem Wesen seines Lebens stammt“ (Philipp Newell).
Bilder von Kindern… Da sehe ich vor mir:
Unbändige Freude, Lachen aus vollem Herzen.
Versunkensein im Spiel, ganz und gar in diesem Augenblick, selbstvergessen sein.
Ich sehe Toben, Laufen, Klettern, Springen, Tanzen, Kuscheln.
Und seliges Schlummern.
Und vor allem sehe ich Staunen über diese Welt und darüber, was es alles gibt an kleinen und großen Wundern.
Schön sehen sie aus, diese Kinderbilder. Aber mir fallen auch die Bilder ein, die nicht so häufig in den Fotoalben kleben:
Empörtes Schreien, sich auf den Boden werfen.
Klebrig verschmierte Hände, die nach allem greifen.
Gerunzelte Stirn, wütende Blicke, die kleinen Hände zu Fäusten geballt.
Hinfallen, Weinen, zugepflasterte Wunden.
Wenn ich mich selber und andere Menschen als Kinder sehe, dann sehe ich all das, das ganze Kinderleben zwischen Staunen und Bedürftigkeit, zwischen Fröhlichkeit und Zerbrechlichkeit. Und ich sehe, worauf es vor allem ankommt in diesem Kinderleben: Auf die Liebe. Dass da einer ist, dem ich vertrauen kann, ganz und gar. Dass ich in den Arm genommen werde, wenn ich das brauche. Und dann wieder losgehen darf, meinen eigenen Weg, und Dinge und Wunder entdecke.
Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. (Mk 10,15)
Wieder wie ein Kind sein: Das heißt nicht etwa, kindisch werden. Alles glauben, was mir vorgesetzt wird und auf die anderen hören. Das heißt nicht, alles preisgeben, was ich beim Erwachsenwerden gelernt habe.
Wie ein Kind sein, das heißt: Auch als Erwachsene, auch wenn ich ganz alt bin, ein Gotteskind bleiben. Egal, wie viele Falten meine Haut hat, egal wie brüchig sich meine Knochen anfühlen und egal, ob mein Gedächtnis immer öfter so durchlässig wird, dass jede Dreijährige mich beim Memoryspielen besiegt: Ich bin und bleibe Kind, Gottes Kind, wunderbar gemacht. Und gerade so werde ich erwachsen, wachse ich immer tiefer in den Menschen hinein, als der ich geschaffen bin (Newell). Im Christuskind in der Krippe sehe ich das Gotteskind, das ich selber bin. Immer war und immer sein werde.
 
IV
Manchmal verblasst das Bild von mir als Gotteskind wie eine alte Fotografie im Familienalbum. Manchmal kann ich das nicht glauben, dass die Menschen um mich herum Gottes Kinder sind. Weihnachten geht vorbei, die Hütten auf dem Christkindlmarkt sind verschlossen, die Weihnachtsbäume liegen kahl am Straßenrand. Alles in allem sieht es nicht so aus, als sei gerade Gott selber zur Welt gekommen.
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. (1 Joh 3,1-2)
Gott gleich sein, so heißt es, hat einst die Schlange Adam und Eva versprochen: Da gibt es diesen Baum mitten in eurem Paradies, dessen Früchte Gott euch verboten hat. Aber ich sage euch: Wenn ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott. (Gen 3,5) Das wollten Adam und Eva. Sie wurden aus ihrem ursprünglichen Paradies vertrieben und mit ihnen wir alle. Dass wir nicht mehr im Paradies leben, sehen und wissen wir, wenn wir in die Welt schauen.
Was die Welt vom Paradies unterscheidet, das nennt die Bibel Sünde. Ein hartes Wort, doch eines, das zum Geheimnis des Weihnachtsfestes, zum Geheimnis des Kindes in der Krippe gehört.
Jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt. (1 Joh 3,3-6)
Sünde ist, zu vergessen, dass ich selber Gottes Kind bin, und dass andere Menschen Gottes Kinder sind. Dann vergesse ich das Allerwichtigste. Ich vergesse die Liebe.
Ich vergesse, dass ich wunderbar gemacht bin und will besser sein. Hab das Gefühl nicht zu genügen, mache mir und anderen Vorwürfe - was da alles grad an Heiligabend auf den Tisch kommt. So manches weihnachtliche Kinderparadies ist eine Idylle, die mühsam vorgetäuscht ist.
Ich vergesse auch, dass die Menschen um mich herum ebenfalls Kinder Gottes sind, meine Geschwister. Ausgesucht habe ich sie mir ja nicht immer, und sie alle liebhaben, die um mich herum sind, das fällt mir schon bei den Menschen, die mir nahestehen, manchmal schwer.
Mit Adam und Eva wurden alle Menschen aus dem Paradies vertrieben. Seitdem ist die Gotteskindschaft aller Menschen ein Geheimnis, dessen Wahrheit man nicht sehen und beweisen kann. Zu Weihnachten aber gehen die Türen des Paradieses wieder auf, für einige Augenblicke mitten in der Zeit, und wieder steht in der Mitte ein Baum. Von dessen Früchten dürfen wir essen. Im übertragenen Sinne, denn im Unterschied zu Äpfeln, Nüssen und Süßigkeiten, die früher an den Christbäumen hingen, sind Lametta und Christbaumkugeln sicher nicht so schmackhaft.
Was wir an Weihnachten zu schmecken bekommen, ist ein Vorgeschmack: Dass das Versprechen der Schlange eingelöst wird aber anders, als sie es ausgeheckt hat. Es beginnt mit einem Kind in der Krippe. In diesem Kind sehen wir, wie Gott selber ist. Und dass wir, seine Kinder, ihm eines Tages gleich sein werden, ihn von Angesicht zu Angesicht sehen.
Nichts von dem, was das Bild Gottes in mir verdunkelt, hat Bestand. Es wird der Tag kommen, an dem dieses Bild wieder sichtbar wird. Deutlicher leuchtet als je zuvor. Gottes Kind zu sein bedeutet, ein Zuhause zu haben, in das ich zurückkehren werde. Denn Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott ihn ihm. (1 Joh 4,16b)
 
V
Alle Menschen werden Weihnachten zu Kindern. Denn seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!
Dies im Herzen zu bewahren, in den nächsten Tagen und auf dem Weg in ein neues Jahr, das gebe Gott uns allen.
Amen.
 

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