Dezember

Sehnsucht nach Fülle

Sehnsucht nach der heilen Welt: Eschatologie, Maria, Geburt Jesu, aber auch Wendezeit: Rückblick und Hoffnung ins Unbekannte

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Erwartung (Advent II):

Psalm 24
EG   7 | O Heiland, reiss die Himmel auf
EG 11 | Wie soll ich dich empfangen

Predigt:

Lobgesang der Maria - Magnificat

Autorin: Andreas Schwarz
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Und Maria sprach:
Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.
 
 
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht das Christkind vor der Tür.
Vom Warten ist die Rede im Advent.
Advent – Ankunft, das ist die Zeit, zu warten.
Nur noch ganz kurze Zeit, dann ist Weihnachten.
Die abzuwartende Zeit wird kürzer; den Termin, auf den es zugeht, kennen wir. Er steht fest im Kalender. Er ist überwiegend ein Anlass, sich zu freuen; egal, ob man Kind, Jugendlicher, Erwachsener oder alter Mensch ist.
Freude, beschenkt zu werden; Freude auf Familie; Freude auf gute Gemeinschaft und liebevolle Zuwendung, Erinnerung an gute Zeiten, neues Hören auf die alte, gut bekannte Botschaft.
Dafür im tiefsten Sinn steht das Weihnachtsfest – als Gottes Geschenk an uns.
Warten im Advent hat ein Ziel und darum einen Grund und einen Anlass. Wir warten dabei nicht auf Leeres hin, sondern auf Sicheres, auf Versprochenes.
Advent gewährt uns ein schönes Warten, das wir mit äußeren Zeichen stimmungsvoll unterstreichen.
Mit Gestecken, mit Kerzen, mit Plätzchen, mit Musik.
Das ist bemerkenswert.
Adventliche Menschen in der Bibel sind singende Menschen.
Das war so bei Zacharias, dem Vater von Johannes, dem Täufer.
Es war so bei dem alten Simeon, der lange Jahre wartete, dass Gott sein Versprechen einlöst.
Und dann singt er, mit dem Jesuskind auf dem Arm.
Vor allen aber: Maria.
Sie singt, als sie erfährt, dass sie warten muss.
Das ist so einzigartig und unvergleichlich, das lässt sich nicht erfinden. Schon gar nicht nachempfinden.
Denn wenn wir uns auch neben Zacharias und Simeon stellen können, die auf die Geburt eines Kindes warten, so geht das mit Maria nicht. Denn sie ist so sehr mitten drin in dem Geschehen, auf das sie wartet, dass wir uns nicht einfach neben sie stellen können.
Als Mutter Gottes, als die junge Frau, die schwanger ist mit dem Kind Jesus Christus, dem Sohn Gottes, ist sie in dieser Weise herausgehoben aus allen Menschen. Und wer an Jesus Christus glaubt, der wird tun, was Maria selbst vorausgesagt hat: ‚Siehe, von nun werden mich preisen alle Kindeskinder.‘
Dass sie auf diese unglaubliche Botschaft mit einem Lobgesang antwortet, ist fast genauso unglaublich. Das, was sie zu hören bekommt, ist so außerhalb jeglicher Vorstellungskraft, das müsste jedem Menschen die Sprache verschlagen und das Gefühl vermitteln, zu träumen oder nicht zurechnungsfähig zu sein.
Ich?
Mutter des Gottessohnes?
Das ist nicht nur außergewöhnlich, das ist einmalig.
In der Weise ist Maria unvergleichlich.
Wie sie auf diese Ankündigung reagiert, ist verständlich, normal. Dass das nämlich nicht sein kann, dass, nüchtern betrachtet, alles gegen diese Botschaft spricht. Von keiner Erfahrung wird das auch nur annähernd gedeckt.
So kann ein Mensch ja nur reagieren: skeptisch, ungläubig, abwehrend. Das kann nicht sein.
Aber nachdem der Engel antwortet, es geht bei dem weihnachtlichen Geschehen nicht um unsere Vorstellungskraft, sondern um das Wirken des Heiligen Geistes, scheint es, als nehme Maria diesen Vorgang an.
Sie stimmt einen Lobgesang an, den die Kirche seit Generationen nachsingt und mitsingt.
‚Magnificat anima mea Dominum – Meine Seele erhebt den Herrn.‘
 
Wir auch; wir stimmen ein in ihr Lied, wir singen mit ihr und ihr nach – aber unser Lob und Dank gilt nicht ihr, sondern Gott. Sie sieht es selbst auch so und drückt es auch genau und zutreffend so aus. Sie freut sich in Gott, der ihr Heiland ist, weil er ihre Niedrigkeit nicht nur gesehen, sondern in Anspruch genommen und somit aufgewertet hat.
Und wenn nicht sie persönlich im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, sondern Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus, dann wird der Lobgesang durchlässig für uns.
Für unsere Geschichte und Glaubensgeschichte.
Er wird in diesem Lied groß gemacht, bzw. seine Größe wird besungen. Die zeigt sich daran, dass er Niedrigkeit sieht, annimmt und in Gebrauch nimmt.
Und dass er Menschen warten lässt.
Nicht ohne Zusage, nicht ohne Versprechen, aber eben doch warten. Sicheres Warten, wie es bei einer Frau ist, die schwanger ist. Sie muss warten, aber sie weiß worauf und sie weiß, dass es sich lohnt. Die Freude wird groß sein, wenn neues Leben auf die Erde kommt.  Aber darauf muss sie warten und das ist nicht immer nur angenehm. Im Lauf des Wartens wird es oft sogar immer beschwerlicher und am Ende womöglich gar schmerzhaft. Und doch wartet sie, oft genug mit viel Vorfreude.
Gott tut große Dinge. Dafür ist schon jede Geburt eines gesunden Kindes ein lebendiger Beweis, der Mütter dankbar macht und sie staunen lässt.
Väter und Geschwister und Großeltern natürlich auch.
 
Und nun dieses Kind, das eben nicht nur ein Kind, sondern Gottes Sohn ist. Sohn von dem, der allein heilig ist und diese Heiligkeit nicht für sich behält. Er gibt sie weiter an all die, die an ihn glauben und ihm vertrauen, die sich über das weihnachtliche Geschenk freuen. In diesem Kind macht Gott menschliches Leben heil. Es trägt den Titel ‚Heiland‘. In diesem Kind wird sichtbar, was Gott im Herzen für seine Menschen trägt: ‚Barmherzigkeit‘.
Das erkennt Maria in dem, was ihr an Unglaublichem begegnet. Im Grunde genommen ist jede Zuwendung Gottes zu uns Menschen, jedes Geschenk von Leben, Vergebung und Zukunft unglaublich, unvergleichlich.
Und doch ist damit, dass Maria sich auf diese Verheißung einlässt und in ihrem Lobgesang Gottes Barmherzigkeit preist, das Warten nicht aufgelöst.
Als Glied des jüdischen Gottesvolkes wusste sie etwas von unerfüllter Sehnsucht, von lebendiger Hoffnung und der jahrhundertealten Botschaft, geduldig warten zu müssen.
Und doch bricht jetzt etwas aus ihr heraus, was weit über ihr eigenes Warten, über ihr eigenes Leben und Erleben hinausgeht.
 
Es sind große Worte, prophetische Worte. So hat man sie genannt und schon wieder sind wir damit auf dem Weg, warten zu müssen. Denn solche Worte markieren auf der einen Seite, wie wenig diese Welt dem entspricht, was Gott will; auf der anderen Seite reden sie von dem, was kommt, und was Gott in Christus begonnen hat.
In dieses Spannungsverhältnis gehört Marias Lobgesang. Der Blick ist weit, den Maria tut, er ist bei Weitem nicht nur persönlich, auch nicht nur religiös, er ist politisch. Er betrifft das ganze Leben von Menschen auf dieser Erde. Alles kommt in den Blick, worunter sie leiden und an welchen Stellen sie sich sehnen und hoffen, wo sie warten müssen – und manchmal nicht mehr können.
 
Menschen leiden unter Menschen, die verantwortungslos und haltlos sind. Die meinen, es gebe niemanden, dem sie verpflichtet seien, die sich selbst einzige Richtschnur sind und darum unberechenbar, nur auf eigenen Vorteil, Erfolg und Spaß aus.
Menschen leiden unter grausamen Herrschern, die sich nicht um ihr Volk kümmern, um die, für die sie große Verantwortung zu tragen haben und es nicht tun.
Menschen leiden unter Hunger und oft genug darunter, dass sie deswegen nichts zu essen haben, weil andere zu viel haben wollen und den Blick verloren haben, dafür zu sorgen, dass die Güter der Erde für alle Menschen da sind – und nicht für einige Wenige viel und für die Meisten wenig bis nichts.
Leiden auf der einen Seite, hoffen und warten auf der anderen Seite. Das alles bringt der Lobgesang zum Ausdruck.
Jetzt beginnt in ihrem eigenen Körper diese Situation auf eine Lösung, auf eine Erlösung hinauszulaufen.
Wer jetzt durch sie als Sohn Gottes auf diese, so geartete Welt kommt, ist ihr Heiland. Er ist die Barmherzigkeit Gottes in Person, er erfüllt, was lange schon versprochen war, von Abraham über alle Propheten des Volkes bis jetzt: ein Leben in Frieden und Freude und Sicherheit.
In Jesus wird es sich erfüllen – und bleibt doch auch für uns Inhalt des Wartens. Zu viel ist unerfüllt, zu viel Gewalt, zu viel Ungerechtigkeit, zu viel Rücksichtslosigkeit bestimmen das Bild dieser Erde.
Und doch hat es in Christus einen neuen Blickwinkel bekommen. Es wird so nicht bleiben. Es wird gerecht werden, friedvoll und liebevoll. Dafür steht er selbst ein, dafür redet er, dafür handelt er, dafür leidet und stirbt er, dafür lebt er. Leben hat jetzt eine fest zugesagte Zukunft.
Wer in Jesus Christus und in seiner menschlichen Geburt an Weihnachten das Heil Gottes für sich und diese Welt erkennt, stimmt mit frohem Herzen ein: Mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Amen.
 
 
 

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