Juni

Feier der Fülle

Der Höhepunkt des Jahres (Johannesfest): Die pfingstliche Vollendung des Ostergeheimnisses ist Herausforderung, die Ganzheit des Lebens zu entdecken und zugleich seine Wendepunkte anzunehmen

Predigt:

Brennender Dornbusch

Autorin: Dr. Henrike Frey-Anthes
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Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.

Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.

Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.

Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt. So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.

Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?  Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

Fortgehen

Allein sein. Einfach fortgehen, immer weiter fort von allem. Von dem, was ihn bedrängt.

Fort vom unbeschwerten Leben im königlichen Palast. Fort aber auch von dem bitteren Bewußtsein, dass er anders ist, der Sohn einer Sklavin am königlichen Hof. Ein Fremder in der Fremde.

Fort von seiner Schuld, fort von den Gedanken an den im Affekt ermordeten Aufseher. Seine Rechnung war nicht aufgegangen, sie hatten ihn entdeckt. So ist er geflohen ist er vor der Verantwortung für seine Tat.

Und auch vor der Verantwortung für sein Volk.

Flucht. Einfach fort. Weg von allem. Fort vom Schmerz. Von diesem ganzen Wirrwarr seines Lebens. All dem, was ungelöst auf dem Tisch liegt. Mose flieht.

Immer weiter fort. Fort von seiner Frau, Zippora, fort von seinem Schwiegervater, dem Priester von Midian, fort in die Wüste. Ja sogar bis über die Wüste hinaus. Es zieht ihn zum heiligen Berg, der in seinem Leben noch oft eine Rolle spielen wird. Zum Horeb, zum Sinai.

Auf der Suche nach Gott

Mose sucht einen Ort, an dem sich alles klärt. Weil er wissen will, wer er eigentlich ist. Was das alles soll. Sein ganzes verwirrtes Leben, in dem ihm bisher irgendwie alles nur zugestoßen ist. Der Strom seines Lebens hat ihn erfaßt und mitgenommen, ihn, den aus dem Wasser gezogenen.

Er hat es sich nicht ausgesucht: Wurde vom Sklavenkind zum aus dem Nil gefischten Ziehsohn der Tochter des Pharaoh, zum flüchtigen Mörder und landet dann irgendwie an diesem Brunnen, wo die Töchter des Priesters von Midian Wasser holen. Und schon ist er verheiratet mit Zippora und Vater zweier Söhne.

Irgendwie ist Mose bisher mehr oder minder durch sein Leben gestolpert. Und jetzt stolpert er durch die Wüste.

Fremd

Es ist eine unwirtliche Gegend, diese Wüste. Rau und nicht dazu gemacht, um hier zu leben. Aber vielleicht passt gerade das zu Moses Stimmung. Man fühlt sich hier fremd, am falschen Ort. Und so geht es ihm doch auch.

Ein Fremder ist er. Seinen Sohn hat er Gerschom, „Da bin ich ein Fremder“, genannt. Ein Ägypter hatte er sein wollen am Hof des Pharaos und war doch immer irgendwie der Hebräer geblieben. Als geflohener Hebräer war er nach Midian gekommen und die Töchter des Priesters hatten ihn für einen Ägypter gehalten.

Mose ist sich selbst fremd geworden. Er weiß nicht, wer er ist. Ist er Ägypter? Ist er Hebräer? Ist er Midianiter?

Königskind, Sklavensohn, Mörder, Hirte?

Auf der Suche nach einer Antwort treibt es Mose immer weiter. Er fühlt sich ausgebrannt. Leer. Denn es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Immer noch fühlt er sich fremd. Heimatlos

Leer sein für die Begegnung mit Gott

Mose macht sich auf, nicht als starker Mann, der alles im Griff hat. Im Gegenteil. Er geht als einer, der sich treiben lässt. Einer, der nicht genau weiß, wohin sein Weg geht. Als einer, der leer ist.

Aber auch als einer, der sucht. Der nicht schon vorher weiß, was richtig ist und was falsch. Der sich darauf einlässt, zu erfahren, was Gott für ihn bereithält. Einer, der einen Ort sucht, an dem noch nicht alles fertig ist. Einen Raum, der offen dafür ist, gefüllt zu werden.

Vielleicht muss Mose erst leer werden, um sich füllen zu lassen. Vielleicht muss er sich erst verlieren, um sich zu finden.

Vielleicht braucht die Begegnung mit Gott solche Orte und Räume, die offen sind. Solch eine Leere in einem selbst. Damit wir erfüllt werden können mit Neuem.

Vielleicht braucht es die Leere, weil wir so ausgefüllt sind mit all den Zusammenhängen in denen wir stehen. Inmitten all der Aufgaben, die auf uns warten, und so viel Unterschiedliches von uns verlangen: Geduld haben oder die Sache jetzt endlich anpacken, flexibel sein oder der Fels in der Brandung. Energisch oder sanft.

Wir müssen zu Suchenden werden, um uns füllen zu lassen. Auf der Suche nach der Frage wer wir eigentlich sind. In der Hoffnung auf ein erfülltes Leben. Weil wir nur dann sehen können, was wir nicht erwartet haben.

Denn wenn wir schon alles über uns wissen, wo ist dann noch Raum für Neues? Wenn wir schon alles im Blick haben, wie sollen wir dann die Augen öffnen für eine andere Perspektive? 

Wer bin ich? Und wer möchte ich gern sein? Was erfüllt mich? Schenkt mir Kraft?

Raum vor Gott

Und so folgen wir Mose, hinein in einen Raum vor Gott. Hier, heute Morgen. In dieser Kirche. Ein Raum voller Leere, erfüllt von Musik du Liedern, von Worten und Gedanken, Gebeten und Schweigen.

Wir folgen Mose, vielleicht leer, vielleicht ausgebrannt. In der Hoffnung, dass wir gefüllt werden. So wie Mose erfüllt wird. An einem Dornbusch, der brennt, aber sich nicht verzehrt. Der Energie ausstrahlt, aber nicht ausbrennt. Kraft, die für etwas brennt, ohne sich in Asche zu verwandeln.

Die Entscheidung

Mose sieht den brennenden Dornbusch und fällt eine Entscheidung. Er spürt, jetzt, auf diesen Moment kommt es an. Mose entscheidet sich. „Ich will hingehen“, sagt er. Das sind die ersten Worte, die die Bibel von Mose überliefert. Die erste Entscheidung, die Mose in seinem Leben wirklich trifft. Die ihn nicht wegführt von allem, sondern hin zu etwas.

Endlich ist Mose nicht mehr auf der Flucht. Sondern er tritt näher.

Und ist da. Einfach jetzt. In diesem Moment.

Da rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.

Da sein von Gott

„Ich bin hier“, antwortet Mose Gott. Hier, in diesem Moment, vor Gott, da bin ich. Auf mehr kommt es nicht an, als auf diesen geschenkten Moment. Nicht fliehen. Sondern hinzutreten. Nicht sich verstecken. Sondern sagen: Ich bin hier.

Hier, heute Morgen, da sind wir da, einfach als Mensch vor Gott. Darauf, auf diesen Moment kommt es an. Jetzt, hier, müssen wir niemandem etwas beweisen, wir müssen nichts tun, niemandem genügen, wir müssen uns nur dazu entscheiden zu sagen: Hier bin ich.

Um uns erfüllen zu lassen von dem, was wir für unser Leben brauchen. Für unseren Weg. Um zu hören, was Gott über uns zu sagen hat.

Weil die Antwort Gottes die Perspektive ändert. Denn die Antwort Gottes auf die Frage danach, wer ich bin, lautet: Darum geht es gar nicht. Jedenfalls nicht zuerst.

Ich will mit dir sein

Gott sagt zu Mose nicht: Du bist ein Mörder, du bist ein Hirte, du bist ein Hebräer. Sondern Gott sagt: Ich will mit dir sein.

Nicht die Frage nach uns selbst steht über unserem Leben, sondern die Antwort Gottes: Ich will mit dir sein. Wo wir auch sind und egal wer wir sind, wir machen Fehler und schaffen nicht immer was wir gern würden, wir verletzen einander und werden schuldig. Das ist so.

Aber das ist nicht das, was über unser Leben entscheidet. Das soll nicht unseren Weg bestimmen. Wir können sein, wer wir sind. Wir sind es mit dem Versprechen Gottes, dass wir nicht allein unterwegs sind in der Wüste unserer Fragen.

Weitergehen

Mose, der einsame Hirte, hört die Worte: „Ich will mit dir sein“. Und er entscheidet sich dazu, mit dieser Gottesbotschaft zurückzukehren zu den anderen. Seine Flucht ist zu Ende.

Ab jetzt tritt er näher. Zu Gott. Und damit zu den anderen. Zu seinen Leuten. Und er weiß, er hat eine Aufgabe. Er wird seinen Auftrag erfüllen. Er wird seine Verantwortung annehmen. Er wird sich brennend bekennen zu seinem Gott, der in die Freiheit führt. Immer wieder wird er Mose Gefühl haben, ausgebrannt zu sein. Aber immer wieder wird Gott ihm zeigen: Ich werde mit dir sein. Amen.

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