Dezember

Sehnsucht nach Fülle

Sehnsucht nach der heilen Welt: Eschatologie, Maria, Geburt Jesu, aber auch Wendezeit: Rückblick und Hoffnung ins Unbekannte

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Übergang (Jahreswende):

Psalm 24
EG 65 | Von guten Mächten
EG 58 | Nun lasst uns gehen und treten

Predigt:

Stille um die Jahreswende

Autorin: Anne-Kathrin Kruse
Download: DOCX

I. Schweigen
Es ist schon eine Weile her, dass sie in dem Kloster war.
Der Raum mit weiß getünchten Wänden ist völlig leer.
Nur ein schlichtes Kreuz hängt an der Wand.
Die Gruppe sitzt auf Meditationsbänken im Kreis.
Es ist still.
Niemand sagt etwas.
Kein Laut dringt von draußen rein.
Umso lauter werden ihre Gedanken.
Sie will zur Ruhe kommen.
Aber zu Vieles stürmt auf sie ein.
Fordern ihre Aufmerksamkeit.
Fallen sich gegenseitig ins Wort.
Schreien, brabbeln, plappern, schimpfen, mahnen, spotten.
Werden immer lauter – nicht zum Aushalten.
 
Später lernt sie,
die Gedanken, die daherkommen, zu begrüßen -
und wieder zu verabschieden.
Gehen zu lassen.
Leer werden.
Sich öffnen für die Gegenwart Gottes.
Für das, was er ihr sagen will.
Hören lernen.
Das ist schon eine Weile her.
Sie sollte mal wieder dorthin.
 
 
II. Ein stiller Jahreswechsel
Auch wenn hier und da schon ein Böller abgeschossen wird.
Noch haben wir hier die Gelegenheit, ruhig zu werden.
Hier in der Kirche - einfach nur da zu sein.
Nichts tun müssen.
Zeit zurückzuschauen.
Mein ganz persönlicher Jahresrückblick.
Glückliche Augenblicke…
Die kostbare Zeit mit den Kindern…
der runde Geburtstag bei herrlichem Wetter…
das Wiedersehen mit Freunden nach langer Zeit…
berufliche Glücksmomente…
geschenkte Freiheit im Urlaub…
etwas ganz Verrücktes unternommen.
Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit
wie eine flauschige Decke um die Schultern.
Dann aber auch der ständige Druck des Terminkalenders,
der einen durch dieses Jahr förmlich gejagt hat.
Wie viele Stunden und Tage
sind in Geschäftigkeit und Betrieb untergegangen?
Ihr sagtet: »Nein, auf Pferden wollen wir dahinfliegen«, –
darum werdet ihr dahinfliehen,
»und auf Rennern wollen wir reiten«, –
darum werden euch eure Verfolger überrennen. Jes 30, 16
 
Wir können der Zeit nicht entrinnen.
Wir sagen: die Zeit vergeht.
Dabei sind wir es, die vergehen – im Strom, der uns fortnimmt.
Manche ganz früh, herausgerissen, lange vor ihrer Zeit…
und lassen so viel hilflose, wütende und verzweifelte Tränen zurück.
Und irgendwie wundert man sich, dass man selbst noch da ist…
Wie viel bleibt mir noch an kostbarer Lebenszeit?
Und werde ich sie im kommenden Jahr besser nutzen?
 
III. Und ein lauter
Still wird es über die Jahreswende nicht bleiben –
in dieser lautesten aller Nächte.
Laut war auch das vergehende Jahr.
Die Erde bebte.
Hass explodierte.
Auch Bilder werden laut – schreien zum Himmel.
Von den Menschen vor ihren zerstörten Häusern im Krieg.
Bilder von Menschen, die auch der Flucht vor Elend, Hunger und Krieg gerettet wurden.
Man mag sich die Bilder von denen, die nicht gerettet werden konnten, nicht ausmalen.
Von rechtsradikalen Gewaltmärschen.
Die Bundesrepublik Deutschland steht wirtschaftlich noch immer gut da.
Noch nie war allerdings das Vermögen so ungleich verteilt.
Wegen derer, die zu uns kommen,
wird jedenfalls niemandem etwas abgezogen oder weggenommen.
Zugleich hört die Gewalt gegen Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe oder Religion nicht auf.
Wer Ängste und Sorgen hat, muss deshalb noch lange nicht zum Mörder werden.
 
IV. Angenehme Lügen – die Wankelpolitik Hiskias
Viele vertrauen neuerdings mehr auf ihre gefühlten Wahrheiten als auf die Fakten.
Statistiken, Studien, Berichte werden verdreht oder einfach ersponnen.
Mit Lügen und Beleidigungen kommt man weit,
schafft es sogar bis in höchste Regierungsämter.
Auf Facebook werden damit ganze Existenzen vernichtet.
Offener Hass gegen Minderheiten wie Obdachlose, Geflohene, Andersdenkende
wird im Netz zur Schau gestellt.
Denn sie sind ein ungehorsames Volk - verlogene Kinder,
die die Weisung Gottes nicht hören wollen.
Sie sagen zu ihren Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!«,
und zu denen, die Visionen haben:
»Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen!
Redet zu uns, was angenehm ist; schaut, was täuscht!
Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn!
Lasst uns doch in Ruhe mit Gott, dem Heiligen Israels!« Jes 30, 9-11
 
Wie aktuell ist doch der Jesaja!
Ein Volk, das nicht hört.
Weil es mit sich selbst beschäftigt ist.
Damals betrieb König Hiskia eine gefährliche Wankelpolitik
zwischen den Großmächten Assyrien und Ägypten.
Statt auf die Warnungen der Propheten zu hören,
handelte der König eigenmächtig,
wusste es besser,
meinte, die Lage im Griff zu haben.
Beteiligte sich der winzige Vasallenstaat Israel
in selbstzerstörerischer Großmannssucht
an einem Aufstand gegen Assyrien
und erlitt verheerende Zerstörungen.
Ägypten konnte ihm da auch nicht mehr helfen.
 
Die Folgen: der siegreiche Vorwärtsmarsch gerät zur Flucht.
Die hochfliegenden Pläne werden in Grund und Boden gestampft.
Die Pferde, auf die man gesetzt hatte, verfolgen einen nun selbst.
Zurück bleibt ein zerfetzter Wimpel auf dem Hügel,
mit dem der Wind spielt.
Man schmeckt förmlich den sich verziehenden Rauch,
hört das Jammern.
Und endlich Stille – Totenstille.
 
V. Stillsein - Hören - Hoffen
Still wird es über die Jahreswende nicht bleiben –
in dieser lautesten aller Nächte.
Bis zum Zählen der Sekunden bis Mitternacht
und dann umso lauter.
Als wollte man die Angst wegböllern.
Die Ohren betäuben vor der Ungewissheit
vor dem, was da auf uns zukommt.
Das neue Jahr – hat es noch den Zauber des Anfangs…?
Wenigstens einen schnell erhaschten Blick ins Unbekannte,
wie durchs Schlüsselloch in die Zukunft…
Welche Veränderungen wird das neue Jahr uns bringen?
Sind wir dem gewachsen?
So spricht Gott, der Heilige Israels:
In Umkehr und Ruhe wird euch geholfen,
in Stille und Vertrauen liegt eure Kraft. Jes 30, 15
 
Stillsein bedeutet, einfach mal den Mund halten.
Nicht mehr ständig plappern, schimpfen, mahnen, spotten.
Nicht mehr nur noch sich selbst zum Thema haben.
Ungewohnt für die, die alles, was sie erleben,
gleich per Smartphone mit anderen teilen müssen.
Oft praktisch.
Aber Stille braucht es auch.
Sie unterbricht den Hagel an Bildern, die an der Seele kauen.
Auch Bilder sind Lärm…
 
Gott wartet darauf, euch gnädig zu sein,
darum macht er sich auf, dass er sich euer erbarme;
denn der Herr ist ein Gott des Rechts.
Glücklich sind alle, die auf ihn warten. Jes 30, 18
 
Stille ist kreative Verunsicherung.
Etwas, was uns Einhalt gebietet.
Von Borniertheiten befreit.
Manch eine Verunsicherung bedeutet nichts anderes,
als dass ich mir endlich etwas sagen lasse.
Bekenne nicht nur das, was du verstehst.
Glaube nicht nur an das, was dir angenehm erscheint.
Höre nicht nur auf das,
was ohnehin deinen Lieblingsgedanken entspricht.
Vertraue nicht nur auf das, was du fühlst.
Leer werden.
Sich öffnen für die Gegenwart Gottes.
Für das, was er mir sagen will.
Hören lernen.
Und vertrauen.
 
Amen.
 
 
Lesungstext Jes 30, 8-18
 
8 So geh nun und schreib es vor ihnen auf eine Tafel,
ritze es als Inschrift ein, damit es für den letzten Tag erhalten bleibt, für immer und ewig.
9 Denn sie sind ein ungehorsames Volk - verlogene Kinder,
die die Weisung Gottes nicht hören wollen.
10 Sie sagen zu ihren Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!«,
und zu denen, die Visionen haben:
»Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen!
Redet zu uns, was angenehm ist; schaut, was täuscht!
11 Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn!
Lasst uns doch in Ruhe mit Gott, dem Heiligen Israels!«
12 Darum, so spricht der Heilige Israels:
Weil ihr dies Wort verschmäht und auf Bedrückung und Übeltaten vertraut und euch darauf verlasst,
13 deshalb wird diese Schuld für euch wie ein Riss in einer Mauer werden: der von oben nach unten aufbricht und sich ausdehnt,
der plötzlich und augenblicklich zu ihrem Einsturz führt.
14 wie wenn ein getöpferter Krug zerbricht:
ohne Erbarmen wird er zerschlagen
und unter seinen Bruchstücken findet man nicht eine Scherbe,
in der man noch Glut vom Herd holen
oder Wasser aus dem Brunnen schöpfen kann.
15 Denn so spricht Gott, der Heilige Israels:
In Umkehr und Ruhe wird euch geholfen,
in Stille und Vertrauen liegt eure Kraft,
aber ihr wollt es nicht.
16 Ihr sagtet: »Nein, auf Pferden wollen wir dahinfliegen«, –
darum werdet ihr dahinfliehen,
»und auf Rennern wollen wir reiten«, –
darum werden euch eure Verfolger überrennen.
17  Tausend werden vor dem Drohen eines Einzigen fliehen,
vor dem Drohen von Fünfen werdet ihr fliehen,
bis von euch nicht mehr übrig bleibt
als ein Mast auf der Bergspitze und ein Feldzeichen auf der Höhe.
18 Darum wartet Gott darauf, euch gnädig zu sein,
und darum macht er sich auf, dass er sich euer erbarme;
denn der Herr ist ein Gott des Rechts.
Glücklich sind alle, die auf ihn warten.
 
 

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