Dezember

Sehnsucht nach Fülle

Sehnsucht nach der heilen Welt: Eschatologie, Maria, Geburt Jesu, aber auch Wendezeit: Rückblick und Hoffnung ins Unbekannte

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Übergang (Jahreswende):

Psalm 24
EG 65 | Von guten Mächten
EG 58 | Nun lasst uns gehen und treten

Predigt:

Unbeschriebene Blätter

Autorin: Andrea Kuhla
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Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. 
Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde. 
10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden nicht mehr zu finden sein. 
11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, 
12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und ihm entgegeneilt, wenn die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen. 
13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
14 Darum, ihr Lieben, während ihr darauf wartet, seid bemüht, dass ihr vor ihm unbefleckt und untadelig im Frieden gefunden werdet.
 
 
„Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Ein neues Jahr bricht an. Es ist, als ob eine neue Seite aufgeschlagen wird. Ein unbeschriebenes Blatt neben dem vollgeschriebenen. Was kommt neben dem, was war. Mein Blick wandert zwischen dem Alten und dem Neuen hin und her. Und ruht für eine Weile auf dem Altjahresblatt: Es ist vollgeschrieben mit kleinen und großen Worten und vielen kleinen Zeichen dazwischen, die dem Geschriebenen eine Richtung geben und es hier und da zurechtrücken. Auch Kleckse und Flecken finde ich. Von Kaffee und Tränen und Tinte. Und wenn man genau hinsieht, dann kann man erkennen, welche Worte berührt haben: Dort, wo die Finger sacht über das Papier gefahren sind, wieder und wieder, da haben sie Spuren hinterlassen.
Manche Worte halten sich nicht an vorgegeben Linien und tanzen aus den Reihen heraus. Da sind auch solche, die ich am liebsten wieder streichen würde. Andere wecken das Vermissen. Sie lassen mein Herz weinen, und meine Augen auch. Man kann sie gut erkennen – dort, wo sie stehen, ist die Tinte ein wenig verwischt. Und dann sind da auch Worte, die ich am liebsten wieder streichen würde.
 
„Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Meine Augen wandern hinüber und blicken auf die unbeschriebene Seite, die vor mir liegt. Sie ist noch blankweiß. Fleckenlose Verheißung. Welche Worte werden sie einst füllen? Welche Geschichten werde ich darauf finden, wenn ich vor der nächsten leeren Seite stehe und noch einmal zurückblicke?
Das Papier lockt mich: Komm, schreib los, alles ist möglich! Die Plots und Wendungen deiner Geschichten hast du selbst in der Hand!
Und die Ideen in meinem Kopf beginnen zu sprudeln: Ich habe hundert gute Pläne für mein neues Jahr und tausend Träume vom Happy End.
Aber ich zögere auch: Was, wenn die Worte, die ich finde, nicht die richtigen sind? Welche werde ich später am liebsten wieder streichen wollen? Und wenn mir gar nicht so viel Zeit zum Schreiben bleibt? Wenn ich mich in Belanglosigkeiten verstricke und dabei meinen roten Faden verliere? Was, wenn ich den Kaffee verschütte und meine Worte darin verschwimmen?
 
„Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Alles soll neu werden, sagt Petrus: Der Himmel, der uns umgibt. Und auch die Erde unter unseren Füßen. Neu und wolkenweiß schlägt Gott einmal eine neue Seite in seiner Geschichte mit uns Menschen auf. Wann das sein wird entzieht sich gänzlich unseren Vorstellungen von Raum und Zeit – denn ein Tag ist vor dem Herrn wie tausend Jahre, und tausend Jahre wie ein Tag. Doch die Sehnsucht bleibt: Danach, dass unsere eigene Geschichte und die dieser Welt endlich zu einem guten Ende findet. Oder anders gesagt: Dass alles, an dem Herzen zerbrechen und Welten zerreißen zu Ende geht, ein für alle Mal. Und dass dann unendlich alles gut ist: Die Herzen Heil und Welt wieder ganz, umfangen von einem lichtdurchfluteten Sommerhimmel.
Diese Sehnsucht nach einem Neuanfang verbirgt sich tief in uns drin.
 
„Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Und jedes Jahr um diese Zeit nimmt sich unsere Sehnsucht Raum. Weil jedes neue Jahr von einem neuen Anfang erzählt: Eine neue Seite tut sich vor uns auf. Sie wartet darauf, mit Worten gefüllt zu werden. Worten, die von Licht und Liebe erzählen.
Eine reinweiße Seite, uns zum Geschenk. Unbefleckt empfangen.
Doch das erhöht auch den Druck, weil ich weiß: Ich selbst bin das nicht. Ich bin nicht unbefleckt und untadelig. Kein unbeschriebenes Blatt. Und wie soll ich damit richtig leben? Wie diese reinweiße, neue Seite mit guten Geschichten füllen? Wo finde ich solche Worte, die verbinden und Leben schaffen? Solche Gedanken lassen mich manchmal in unbewegliche Starre verfallen. In Ängstlichkeit und ein Gefühl von „ich bin nicht genug“. So wie sich das Kind in mir fühlt, das seinen Becher Kakao verschüttet. Und dann vom Großen in mir hört: „Kannst du nicht besser aufpassen? Ich hab´s schon kommen sehn – jetzt muss ich deinen Dreck wegmachen!“ Also bleib ich still und vorsichtig und starre aufs weiße Papier.
 
„Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Wer seinen Menschenkindern das verspricht, der ist ein anderer Großer: Gott ist ein Großer im Kleinen. Einer der in Kaffeflecken Blumen sieht, und sanft ihre Umrisse nachzeichnet, dass auch du sie sehen kannst. Gott hat Geduld mit uns. Er hält an der Hoffnung fest, dass wir dieser Welt schon jetzt ein neues Gesicht geben: Was noch nicht wahr ist, flüstert er als eine Wirklichkeit in dein Herz hinein: Eine neue Welt in dir. Gott verkehrt die Verhältnisse ins Gegenteil. Und schenkt uns eine neue Perspektive. Lässt uns umdenken. Buße nennt Petrus das. Ein großes Wort, das sich im Kleinen vielleicht so erklären lässt: Ich wende mich nach Innen hin, meinem guten Kern, meiner Himmelssehnsucht zu. Und schließe außen Frieden mit meinen Flecken: Mit meinem Scheitern, meinem Nicht-Genug-Gefühl, meinen Fehlern und Macken. Denn Gott hat es längst schon.
 
„Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Ein neues Jahr bricht an. Eine neue Seite liegt aufgeschlagen vor dir. Noch ist sie fleckenlos und blankweiß, so wie der Sehnsuchtskern in deinem Herzen. Er erzählt vom Ursprung allen Seins. Von Licht und Liebe. Wende dich ihm zu und mach dich auf. Nehm den Stift in die Hand und schreibe, was dir aus dem Herzen fließt. Die Worte werden dich finden. Gott verspricht dir neuen Boden unter deinen Füßen. Schreib, als würdest du schon darauf gehen. Achte auf die Satzzeichen: Sie sind wie kleine Wegweiser, die groß Gemeintes zurechtrücken. Finde Blumen in Kaffeeflecken. Lass aus Tintenklecksen Vögel werden, die durch deine Worte fliegen und sich darin niederlassen wie in einem Nest. Male Wolkentiere aus Tränenmeeren. Puste etwas Glitzer durch die schwarzen Buchstaben. Erinnere dich: Noch ein Anderer führt in deiner Geschichte die Feder. Er schreibt mit Zaubertinte. Ganz nah am Kerzenlicht kannst du´s lesen:
„Geliebt“ steht da. Lebenslosung. Darauf lass uns anstoßen. Unter dem neuen Himmel, der unsere Altlasten sanft umfängt. Und über uns ziehen die Wolken dahin, wie lauter Himmelsflecken.
 
Amen.
 

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