Weihnachten

Gott kommt zur Welt

Die zwei Aspekte des Weihnachtsfestes: Gott wird Mensch (Heiligabend und Christfest I) und Gott offenbart seine Herrlichkeit in Jesus von Nazareth (Epiphanias)

Predigt: 1/2 | 1 2

Gott bekommt eine Stimme

Autorin: Dr. Christoph Kock
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I. Wie es anfing
Am Anfang war die Wohnung leer. Wie das hallte. Gerade hatte Jonas den Mietvertrag unterschrieben und die Schlüssel bekommen. Seine erste Wohnung! Vollgepackt stand das Auto seiner Eltern am Straßenrand. Seine Sachen in Kartons und Kisten. Ein Teppich hatte auch noch hineingepasst. All das musste Jonas nun in die Wohnung schleppen. Dann er wollte noch zu IKEA. Auch dazu brauchte er das Auto. Schrank, Bett, Schreibtisch und Regale kaufen. Der Start ins Studium ging ins Geld. Als er alles im Auto hatte, überlegte er, wie er den Schrank aufbauen sollte. Alleine würde er das nicht schaffen. Zeit, die Nachbarn kennenzulernen. Am nächsten Abend rief seine Mutter an. Da sah es in der Wohnung schon anders aus. Die Möbel waren aufgebaut. Jonas packte gerade die letzte Kiste aus. Er schwenkte sein Smartphone durch den Raum, so dass seine Mutter einen Eindruck bekam. Das war geschafft.
 
Am Anfang stand die Entscheidung, das Haus zu verkaufen. Es war zu groß geworden, die Treppe ein Hindernis. Leni zog ins „betreuten Wohnen“. 43 Jahre hatte sie in ihrem Haus gewohnt. Mit ihrer Familie. Mit ihrem Mann. Allein. Da kam einiges zusammen. Viele Erinnerungen waren damit verbunden. Die Muscheln hatten die Kinder doch im Sommer am Strand gesammelt. Lange war’s her. Leni war froh, dass sie es geschafft hatte, sich davon zu trennen. Und von vielen anderen Dingen. Ihre neue Wohnung war übersichtlich und schnell eingeräumt. Und doch musste Leni viele Anweisungen geben. Endgültig festlegen, was wohin kam. Ihr schwirrte der Kopf.
Am nächsten Morgen erkundete sie ihre neue Umgebung. Wie schön, keine Stufen mehr vor der Haustür, die sie ihren Rollator herunterruckeln musste. „Wie einfach das jetzt geht“, dachte Leni und genoss die Herbstsonne auf ihrem Gesicht. „Und vielleicht komme ich jetzt auch wieder einfacher unter Menschen.“
 
 
II. Am Anfang
Am Anfang war die Wohnung leer. Am Anfang war das Haus zu groß geworden. So werden später Jonas und Leni erzählen. Jonas begeistert von seiner Selbständigkeit am Studienort. Leni zufrieden vom Umzug in eine Wohnung, die auf ihre Bedürfnisse und Einschränkungen zugeschnitten ist.
 
Am Anfang stand ein Gebot des Kaisers, das Menschen in Bewegung setzte. Jeder musste in seinen Geburtsort, um sich dort in Steuerlisten eintragen zu lassen. So kamen Josef und Maria aus Nazareth nach Bethlehem. So kam Jesus unterwegs zur Welt. So wurde ein Futtertrog zu einem Reisebett umfunktioniert. „Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Dann kamen Hirten mit himmlischer Botschaft und alle staunten über ihre Worte. So erzählt das Lukasevangelium die Geschichte dieses Abends. Im Johannesevangelium hört sich dieser Anfang anders an:
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. […]
 
 

 
III. Wort-Gott
Wie anfangen, von Jesus zu erzählen? Na, von einem Kind, das zur Welt kommen muss. Stattdessen ist von einem Wort die Rede. Von dem Wort. Ganz eng mit Gott verbunden. Das Wort, das eine Welt erschafft. Das lebendig macht. Das leuchtet und strahlt. Gott gibt sich im Wort zu erkennen. Als Wort-Gott.
Gott bekommt eine Stimme. Entscheidendes wird hörbar. Sehen allein reicht nicht aus. Schon in der bekannten Weihnachtsgeschichte.
Da wird ein Kind geboren, auf der Durchreise. Seine Mutter windelt es und legt es in einen Futtertrog. Die Gründe dafür sind bekannt. Jesus ist geboren. Wer sich an der Krippe vorbeidrängt, wird vielleicht erstaunt innehalten. Da bewegt sich etwas. Da liegt doch tatsächlich ein Kind.
Was es mit diesem Kind auf sich hat, muss erst noch gesagt werden. Gott schickt einen Engelchor zu den Hirten, damit sie die Worte hören, auf die es jetzt ankommt.
„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“
Diese Worte müssen unter die Leute. Darüber werden sich alle wundern, die sie in dieser Nacht noch zu hören bekommen. Maria wird sie in ihrem Herzen bewegen. Und die Hirten werden voll des Lobes sein.
So viel es an diesem Fest zu sehen gibt: Es gibt kein wortloses Weihnachten. Weil Gott im Wort kommt. In der Krippe liegt ein Kind. Das sehen wir. Das Johannesevangelium sagt: In der Krippe liegt das Wort. Das hört sich so an:
 
 
IV. Das Wort zieht um
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. […]
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
 
Das Wort wird Mensch in Jesus von Nazareth. Wird Geschichte an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit. Spricht eine bestimmte Sprache. Und die Welt erstrahlt in Gottes Glanz.
In Jesus geht Gott unter Menschen. Denn das Wort zieht um. Von Ganz-nah-dran-bei-Gott zu den Menschen. Vorübergehen wohnt das Wort in Jesus von Nazareth. Wie in einem Zelt. Mitten drin. Beinahe ohne Privatsphäre. Heute hier, morgen dort. Jesus wird unterwegs sein. Seine Mission: Menschen begegnen. Dort, wo sie leben und arbeiten. Ihnen vom Reich Gottes erzählen. Mit ihnen am Tisch sitzen. Einen mittrinken. Die suchen, die andere längst abgeschrieben haben. An Grenzen gehen. Verbinden, was getrennt ist. Worte sagen, die verändern und lebendig machen. Dafür sorgen, dass die Welt in einem neuen Licht erstrahlt.
Dem Wort wohnt Wunder inne. Jesus sagt, was zu tun ist, und Wasser wird zu Wein. Die Feier geht weiter. Jesus spricht und einer wird gesund. Jesus ruft ins Grab und einer kehrt von den Toten zurück. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Auch Ostern ist nur ein Anfang. Leben in Fülle das Ziel.
 
Weihnachten: Das Wort zieht um. Von Ganz-nah-dran-bei-Gott zu den Menschen. Das Wort in der Krippe. Von dort dann weiter. In ganz Galiläa. Und Jerusalem. Neben die Studentenbude. Ins betreute Wohnen. Unter das Zeltdach dieser Kirche. Damit Menschen hören, sich wundern, glauben. Wie weit Gott geht. Der Anfang ist gemacht. Was daraus werden kann? Davon wird zu erzählen sein. Vielleicht so:
 
Als Leni durch die Tür der Gemeinschaftsküche schaut, ist sie überrascht. Wer ist denn der junge Mann da? „Wohnen Sie auch hier?“, will sie wissen. Der junge Mann blickt auf und schüttelt den Kopf. „Nein, ich habe nur ein paar Einkäufe mitgebracht.“
Dann steht ihre Nachbarin in der Küche. Sie kocht gerne. Heute will sie die ganze Etage zum Essen einladen. Den jungen Mann kennt sie von der Kirche. Er war bereit, die Einkäufe zu besorgen. Jetzt hilft er mit beim Kochen. „Aber nur, wenn ich auch ein paar Gäste einladen darf.“ Die Nachbarin ist einverstanden. Dann schaut sie Leni an: „Was ist mit Ihnen? Wir könnten noch Unterstützung brauchen.“ Klar fasst Leni mit an. Sie holt rasch ihre Schürze.
Beim Essen dann lernt Leni ihre neuen Nachbarn kennen. Und noch ein paar jüngere Leute, die in der Stadt studieren. Viele Menschen an einem Tisch. Ganz nach Lenis Geschmack. Sie sitzt neben dem jungen Mann, der die Einkäufe mitgebracht hat. Was man heute alles studieren kann. Von seinem Fach hat Leni noch gar nichts gehört. Die Zeit vergeht wie im Flug. Beim Abschied sagt Leni zu ihm: „Oh, ich glaube, ich habe Ihren Namen vergessen.“ Der junge Mann lächelt. „Nein, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Jonas.“
 
Amen.
 

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