Weihnachten

Gott kommt zur Welt

Die zwei Aspekte des Weihnachtsfestes: Gott wird Mensch (Heiligabend und Christfest I) und Gott offenbart seine Herrlichkeit in Jesus von Nazareth (Epiphanias)

1 2 3
Das Licht in der Finsternis:

Psalm 98
EG 55 | O Bethlehem, du kleine Stadt
EG 56 | Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

Predigt:

Gott kommt in die Welt.

Autorin: Tobias Heymann
Download: DOCX

I Die düstere Welt
Es wird den ganzen Tag nicht mehr richtig hell. Wo man hinschaut Nebelschwaden, kalte Feuchtigkeit, die durch alle Ritzen bis tief unter die Mäntel kriecht, Modergeruch auf den Feldern, Ölschlieren in den Pfützen und eisige Kälte. Die Gesichter der Passant*innen auf den Boulevards sind fahl, die Blicke der Händler*innen auf den Plätzen sind auf den Boden gerichtet, die Feuerstellen schaffen es nicht die Kälte, die von innen kommt zu vertreiben. Woher sie kommt? Wir haben Hochsommer auf den Britischen Inseln. Doch Gestalten, die Kälte verbreiten, schwere Kapuzenmäntel tragen und mit modrigen Geruch und schrecklichen, verhüllten Gesichtern Trauer und Kälte in die Welt treiben, haben alles im Griff. Der Griff der Dementoren, der Wesen, die alles Leben, alle Freude, alle Hoffnung aus der Welt saugen, hält sie fest. Sie gehorchen nur dem einen, dem mit dem fahlen Schlangengesicht, dem mit der hohen kalten und mörderischen Stimme. Der, der Unglaubliches vollbracht hat, der, der Unvorstellbares angerichtet hat und nun wieder mit voller Macht zuschlägt und die Welt in seine Fesseln legt: Er, dessen Name nicht genannt werden darf, er, der dunkle Lord, er, der sich selbst einen Namen geschaffen hat, der allen, die ihn hören, Schrecken und Angst einjagt: Lord Voldemort. Die Welt der Zauberer und Hexen ist in Aufruhr und die ganze Menschheit in Gefahr Opfer der perfiden Ideologie des reinen Blutes zu werden, des reinen magischen Blutes. Hexen und Zauberer nicht magischer Herkunft sind Schlammblut. Menschen ohne magische Kräfte sind Muggel, sie zählen nicht, sind Abschaum und wertlos.
Dies ist der bittere und eiskalte Höhepunkt der fantastischen Welt der Magie von der Autorin Joanne K. Rowling, der Buch- und Filmreihe von dem einen Jungen, der überlebte, mir der gezackten Narbe auf der Stirn: Harry Potter.
 
II Johannes in Not
Vor langer Zeit, an einem fernen Ort, in einer kleinen Höhle im schroffen Gebirge: Johannes, eingehüllt in grobes Leinen kauert auf dem nackten Fels. Vor ihm rußt die kleine Öllampe in ihren letzten Zügen. Sein Blick geht aus der Höhle hinaus, das Meer ist graugrün und voller Wellen und Brecher. Auch Johannes kann am Horizont keinen Punkt fixieren, keinen Moment Ruhe für seinen rastlosen Geist finden. Er hat erlebt, wie seine Schwestern und Brüder, mit denen er Tag um Tag das Brot gebrochen hat, mit denen er Gott gepriesen und gefeiert hat, gefoltert wurden, vertrieben wurden, gehetzt wurden. Wie sie ihre Arbeit verloren, weil sie an Christus glaubten und in das Holz ihrer Eingangstür den Fisch einritzten. Johannes ist geflohen, über das Meer, auf die Insel Patmos und in die Berge. Nun sitzt er dort und weiß: heute feiern sie die Geburt Christi, sie erinnern daran, dass der Heiland geboren wurde. Sie erzählen sich die Geschichte von der Ausweglosigkeit von Maria und Josef, von den scharf-spöttischen Worten der Herbergseltern in Bethlehem, von dem kargen Stall am Ortsrand, vom modrigen Stroh und unendlicher Erleichterung. Johannes ringt mit sich, Johannes stützt sein Gesicht in seine Hände, er kniet auf dem rauen Felsen. Er beginnt die Geschichte zu rezitieren, die er gehört hat, so viele Male, immer wieder erzählt und erzählt: Es begab sich zu der Zeit… und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit. Johannes spricht diese Worte, er flüstert sie, er ruft sie in seiner Not und Einsamkeit, immer wieder, wie ein Mantra. Um ihn her, das weiß er, lauern sie, die Verfolger*innen: Es ist gefährlich diese Höhle zu verlassen, es ist kein Ausweg – hat er geirrt mit seinem Glauben? Er beginnt von neuem: Und Josef machte sich auf mit Maria, die war schwanger und es kam die Zeit, da sie gebären sollte. Vor Erschöpfung, vor Angst, vor Müdigkeit bricht Johannes zusammen, er beginnt er zu träumen, zu sehen und Bilder voll Farbgewallt und Feuer entstehen vor seinem inneren Auge:
 
III Predigttext Offb. 12,1-6.13-17
1 Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.
 2 Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt.
3 Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen,
 4 und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.
5 Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.
 6 Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott, dass sie dort ernährt werde tausendzweihundertsechzig Tage.
13 Und als der Drache sah, dass er auf die Erde geworfen war, verfolgte er die Frau, die den Knaben geboren hatte.
 14 Und es wurden der Frau gegeben die zwei Flügel des großen Adlers, dass sie in die Wüste flöge an ihren Ort, wo sie ernährt werden sollte eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit fern von dem Angesicht der Schlange.
 15 Und die Schlange stieß aus ihrem Rachen Wasser aus wie einen Strom hinter der Frau her, damit er sie fortreiße.
 16 Aber die Erde half der Frau und tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache ausstieß aus seinem Rachen.
 17 Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, zu kämpfen gegen die Übrigen von ihrem Geschlecht, die Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu.
Johannes hat es gesehen, in den farbgewaltigen, blutigen, dramatischen Bildern: Es gibt sie, die Hoffnung ist in der Welt, die Hoffnung, die das Böse beseitigen kann.
 
IV The Prophecy
Eine Gasse, gesäumt von Feldsteinhäusern mit unzähligen Schornsteinen – Britain at it‘s best. Eine braune Holztür, darüber ein schmiedeeisernes Schild, es quietscht im Wind. Der Lack der Buchstaben ist abgeblättert, aber immer noch erkennbar: Zum Eberkopf. Der Eberkopf, Ort für zwielichtige Gestalten, krumme Geschäfte und Menschen, die nicht erkannt werden wollen. Billig ist es allemal. Und in einem der kleinen Gästezimmer, die nach Staub riechen und in denen die Dielen knarzen, sitzen sich zwei Menschen gegenüber, argwöhnisch und ablehnend. Sie, eine Frau, gewandet in bunte Tücher, schweres Parfum von Vanille. Dicke Brillengläser, sie dreht eine kleine Glaskugel in ihrer Hand. Er, gewandet in einen blauen Umhang, sternenbesetzt mit Halbmondbrillengläsern, langer Rauschebart, die Hände liegen ruhig auf seinen Schoß. Keiner der beiden erwartet sich etwas von diesem Treffen. Ein paar Höflichkeiten werden ausgetauscht, ein paar Floskeln über das Wetter und die Zeit im Allgemeinen. Er, der Schulleiter der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei überlegt, wie er sie ablehnen kann: Von ihrem Fach Wahrsagen hält er nichts, von der Frau ihm gegenüber erst recht nicht viel. Sie spürt die Ablehnung, steht am Rande der Verzweiflung. Dann, plötzlich – ist es Erschöpfung? Ist es die schlechte Luft? – sie fällt in Trance, ihre Augen verdrehen sich und in einer verzehrten Stimme beginnt sie zu sprechen: „Er kommt, derjenige, der die Kraft hat den dunklen Lord zu besiegen. Er wird geboren werden, mit Kraft, die der dunkle Lord nicht kennt.“
Damit ist es in der Welt, die Seherin hat es gesehen: Es gibt sie, die Hoffnung, die das Böse beseitigen kann. Und der Schulleiter sagt später immer wieder zu seinen Mitstreiter*innen: Vertraut Harry, er ist die einzige Hoffnung, die wir haben.
 
V Der Kampf – Gut gegen Böse
Die alte Sage von fantastischen Geschichten, immer wieder besungen, gereimt, erdacht, geschrieben erzählt und erlebt: Die Welt am Abgrund, die Welt in tiefster Nacht. Das Ende – dunkle Mächte machen sich auf um die Herrschaft zu übernehmen. Und der Kampf beginnt: Harry, the boy who lived, the chosen one – Harry, der Auserwählte, das Kind, das überlebte, nimmt den Kampf auf gegen das Schlangengesicht, gegen die Kälte des Todes, gegen die Ausweglosigkeit und Verachtung von bitterböser Ideologie.
Die große Halle, Kathedralen-gleich, gotische Spitzbögen recken sich in die Höhe. Angefüllt mit hunderten von Menschen, erschöpfte, verbissene, ängstliche, verzweifelte, feindliche Menschen mit gezückten Zauberstäben stehen sich gegenüber, ineinander verkeilt und doch erstarrt im Blick auf das Duell, auf den einen Kampf, auf den alle gewartet haben. Harry gegen Lord Voldemort. Die beiden taxieren sich mit den Augen, die Zauberstäbe aufeinander gerichtet, bereit zum letzten Schlag. Hass blitzt aus dem Auge des fahlen Schlangengesichtes hervor. Jetzt, denkt Lord Voldemort, ist er da, der Moment seinen Widersacher, denjenigen, den er als Kind nicht töten konnte und der seinen Aufstieg, seine Machtvollendung so gestört hat, ein für alle Mal zu beseitigen, auszulöschen. Die Schlange greift nach der unendlichen Macht. Jetzt, Harry weiß es, es ist der Moment gekommen, Menschlichkeit zu zeigen, es ist nicht der Moment der Rache, es ist der Moment gekommen das Böse mit dem Guten, mit dem Richtigen zu Überwinden. Die Flüche prallen aufeinander: Avada kedavra – Expelliarmus. Todesfluch – Entwaffnungszauber. Unverzeihlich der eine – Selbstverteidigung der andere. Unumkehrbare Entmenschlichung gegen ein Angebot der Versöhnung. Voldemort sinkt in sich zusammen, der Fluch fällt auf ihn zurück. Das Böse ist Geschichte.
 
VI Johannes wacht auf
Es ist Nacht geworden über auf Patmos. Über das nachschwarze Meer wölbt sich ein tiefes Sternenzelt. Johannes ist aufgewacht aus seinem Traum, der Nacken schmerzt vom harten Stein auf dem der Kopf lag. Er blinzelt in den Himmel und für einen Moment, für einen kurzen Moment – war es in seinem Kopf? War es Realität? – sieht er einen hellen Stern aufblitzen im Osten, strahlen über einem fernen Land. Ein Stern, der Johannes erinnert: Ein Kind ist uns geboren, eine Hoffnung geschenkt: Denn das Wort ist Fleisch geworden, Gott ist Mensch geworden. Und die Menschlichkeit ist in der Welt, Weihnachten kommt, egal wie der Drache der alte Feind wüten mag, gegen den Gott der Mensch ist, kommt er nicht an. Und der Engel spricht laut und vernehmlich, jedes Jahr: Fürchtet euch nicht, denn siehe ich verkündige euch große Freude, welche allem Volk wiederfahren ist: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus!
 

footrfoot pic goes here

© 2018 Zentrum für evangelische
Gottesdienst- und Predigtkultur

Markt 4 | 06886 Lutherstadt Wittenberg
Telefon 0 34 91 . 459 11 45
E-Mail: predigtzentrum@wittenberg.ekd.de