Weihnachten

Gott kommt zur Welt

Die zwei Aspekte des Weihnachtsfestes: Gott wird Mensch (Heiligabend und Christfest I) und Gott offenbart seine Herrlichkeit in Jesus von Nazareth (Epiphanias)

1 2 3
Das Licht in der Finsternis:

Psalm 98
EG 55 | O Bethlehem, du kleine Stadt
EG 56 | Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

Predigt:

Das menschliche Leben wurde Gottes Wort

Autorin: Matthias Storck
Download: DOCX

 

Herz über Kopf

Manchmal erwacht ein Wort zu sich selbst und stellt die ganze Welt auf den Kopf. Eine Verheißung am Heiligabend etwa, auswendig gelernt von Generationen, bekommt plötzlich Kraft und Tiefgang. Im Greifbaren und Sichtbaren ist noch keine Wandlung, aber das Leben ist von einem Moment auf den anderen in der Schwebe. Und es scheint, als sei die Welt mit all ihrer Gewissheit unter ein anderes Gesetz geraten.

So muss es den Sterndeutern aus dem Osten ergangen sein, deren Ankunft im Stall von Bethlehem das Evangelium mit wenigen Worten beschreibt. Als sie erschöpft von ihren Kamelen stiegen, war das der Endpunkt einer mühseligen Reise, die durch die Jahrhunderte die Phantasie der Nachgeborenen zu immer neuen Bildern anregte. Ganz zu Recht wurden sie zu Königen der Herzen, geschah doch ihr Aufbruch Herz über Kopf. Sie hatten ein Licht am Himmel gesehen und wagten es nun, ihrer Sehnsucht mehr zu trauen als ihren Vorbehalten. Ihr Herz war ihnen voraus. So konnten sie von einem Ende der Welt zum anderen sehen. Sie riskierten alles und banden sogar „ihren Karren an einen Stern“(Leonardo da Vinci). Das neue Himmelslicht bestärkte sie in der Gewissheit, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist. Das reichte, um alle vertraute Geborgenheit hinter sich zu lassen und den Weg ins Ungewisse zu wagen. Sie scheuten weder Nacht noch Wüste. Unermüdlich folgten sie dem rätselhaften Wegweiser. Weder die Herrlichkeit Jerusalems, noch der Glanz der königlichen Gemächer des Herodes konnte sie beirren. Als der Stern endlich halt machte, fanden sie sich in einem dürftigen Stall im Armenwinkel von Bethlehem wieder. Und weil sie unterwegs gelernt hatten, dem Himmel mehr zu trauen als allen irdischen Wegweisern, fielen sie vor dem neu geborenen Säugling auf die Knie, den sie von nun an als den Erlöser der Welt ansahen.

„Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein!“, schrieb Wolf Biermann im Kalten Krieg seiner Tochter Marie in einem Willkommenslied an die Wiege. Das passt auch als Überschrift zu dem merkwürdigen Aufbruch der Männer aus dem Morgenland. Denn es bleibt dabei: Nur mit einer Hoffnung, die wagt, aufs Ganze zu gehen, lässt sich die Welt ändern. Und sie tut es dann wirklich.

Als die Weisen den Weg zurück durch die Wüste nahmen, sah zwar alles noch genau so aus, aber die Welt stand schon Kopf. Nicht nur der König Herodes hatte nichts begriffen, auch der Kaiser in Rom ging ahnungslos seinen Amtsgeschäften nach. Sie konnten sich nicht einmal vorstellen, dass eine Geburt am Rande ihrer Welt das Ende ihrer Herrschaft einläuten sollte. Ihre Gedanken und Zukunftspläne sind vergessen.

Um so mehr ist ein Bild im Gedächtnis der Jahrhunderte verewigt: Es zeigt die vornehmen Männer, die in der Armutsherberge vor einem winzigen Säugling knien, vor dem einzig richtigen! So brachten sie die Sehnsucht der Völker zur Krippe.

Diese Geburt bedeutet ja nicht nur das Ende der mächtigen Pax Romana sondern auch den Anfang einer neuen Gerechtigkeit, die in der Welt ihren Lauf nimmt. Was für die aufmerksamen Morgenländer noch in den Sternen stand, begann sich mit ihrem Kniefall zu erfüllen. Den Nachgeborenen bleibt es für immer bewahrt in den uralten Verheißungen.

 

Wo die Angst aufhört

Auf besonders eindrückliche Weise verbindet der Dichter Jean-Paul Sartre die Sehnsucht der drei weihnachtlichen Besucher mit der Gegenwart. 1940 schreibt und inszeniert er in einem deutschen Gefangenenlager sein Weihnachtsstück „Bariona“. Er verknüpft das weihnachtliche Geschehen mit dem Versuch eines Dorfes, sich gegen die Willkür der Römer und ihres Vasallen Herodes zu wehren. Balthasar (so heißt auch bei Sartre einer der drei Weisen) ermutigt die Bewohner, ihre Freiheit, für die sie geboren sind, jeden Tag neu zu erkämpfen. Er lehrt sie, ihrer Angst zu trotzen und der Verzweiflung „Tatsachen“ entgegenzusetzen. Die Freiheit beginnt dort, wo die Angst aufhört.

Sartre schreibt als Gefangener für Gefangene. So bekommt die weihnachtliche Gewissheit, dass die Verhältnisse sich ändern lassen, ein ganz besonderes Gewicht. Geschickt lenkt er den Blick in den ärmlichen Stall auf den soeben eingeschlafenen Säugling. Maria betrachtet ihn staunend und denkt bei sich: „Gott ist mein Kind. Fleisch von meinem Fleisch. Dieses hilflose Bündel ist Gott. Er ist aus mir gekommen, er hat meine Augen, sein Mund ist geformt wie meiner. Kein Zweifel, Gott sieht mir ähnlich!“

Sartre schreibt weiter: „Welche Frau hat je Gott so für sich allein gehabt? Einen ganz kleinen Gott, den man in den Arm nehmen kann und mit Küssen bedecken, einen menschenwarmen Gott, der lächelt und atmet, einen Gott, den man berühren kann und der lebt.“

 

Suchende Anwesenheit

Dieses innige Bild wird empfindlich gestört durch das grausige Geschehen, von dem Matthäus im Anschluss erzählt. Als die Sterndeuter nicht, wie ausdrücklich befohlen, auf dem Rückweg zum Rapport am Hof erscheinen, gerät der König in unbändige Wut. Um seine Macht zu sichern, befiehlt er seinen Soldaten, alle Kinder unter zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung sofort zu töten.

Nie werde ich das Gesicht des Königs in der illustrierten Bibel meiner Kindheit vergessen. Unbewegt, ganz ohne Mitleid, schaut der Herrscher von einem Balkon seines Palastes dem mörderischen Treiben seiner Soldaten zu. Angesichts dessen, was sonst über den Tyrannen Herodes berichtet wird, ist dieses Blutbad jedenfalls nicht unvorstellbar.

Nur knapp sind Mutter und Kind den königlichen Soldaten entronnen. Seither sieht Gott den vielen Flüchtlingskindern unserer Tage zum Verwechseln ähnlich. Tiefsinnig spricht die Überlieferung von der „suchenden Anwesenheit“ Gottes, die immer vor der Tür steht und eine Bleibe braucht. Die Wirklichkeit, die oft so leer zu sein scheint von Gott, ist in Wahrheit von der Gegenwart des heimatsuchenden Gottes erfüllt.

Kürzlich haben mich die drei weisen Männer sehr überrascht. Mir fiel der Roman „Dr. Schiwago“ des russischen Dichters Boris Pasternak nach vielen Jahren wieder in die Hand und in die Erinnerung. Beim Blättern traf ich meine drei Könige wieder. Ich las mich fest. In Pasternaks Buch wird ihnen die Kraft zuteil, in zukünftigen Jahrhunderten die Spuren des göttlichen Kindes zu sehen. Von der Wahrheit dieser Zeilen ist nichts vergangen. Sie steckt mir so tief und sicher im Herzen wie beim ersten Lesen: 

„In der ganzen Welt hatte sich etwas verschoben... Führer und Völker wurden Vergangenheit… Das einzelne menschliche Leben wurde Gottes Wort.“

Und weiter heißt es:

„Von diesem Moment an hörten die Götzen auf zu sein. 

Und es begann der Mensch. Der Mensch als Zimmermann, der Mensch als Ackerbauer, der Mensch als Hirt, inmitten seiner Schafherde, bei Sonnenuntergang. Der keinesfalls stolze Mensch, dankbar verewigt in allen Wiegenliedern der Mütter und auf den Bildern aller Galerien der Welt.“ 

 

footrfoot pic goes here

© 2018 Zentrum für evangelische
Gottesdienst- und Predigtkultur

Markt 4 | 06886 Lutherstadt Wittenberg
Telefon 0 34 91 . 459 11 45
E-Mail: predigtzentrum@wittenberg.ekd.de