Januar

Glanz der Welt

Gott ist in der Welt: Mit der Taufe Jesu wird sein Wirken öffentlich erfahrbar (Orientierung an den Sonntagen nach Epiphanias)

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Göttliche Zeichen:

Psalm 100
EG 325 | Sollt ich meinem Gott nicht singen
EG   70 | Wie schön leuchtet der Morgenstern

Predigt:

Wissen, wie es weiter geht

Autorin: Magdalena Smetana
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Wenn ich ein spannendes Buch lese, verschlinge ich die Seiten eine nach der anderen. Manchmal überfliege ich die Sätze, blättere hastig weiter und bin neugierig, wie es am Ende ausgeht. Ist die Handlung zu spannend, möchte ich gerne ganz vorblättern und nachschauen. Auf der letzten Seite, wo die Antwort kommt, ob sich die zwei gefunden haben oder wer der Mörder war. Im Nachhinein verstehe ich dann auch die eine oder andere Stelle, den einen oder anderen Zusammenhang. Und ehrlich gesagt, manchmal ärgere ich mich, dass ich es nicht aushielt und zu ungeduldig war.
 
Das Leben ist eine ähnlich spannende Angelegenheit. Manchmal ähnelt es einem Roman oder einem Krimi. Ich würde gerne vorblättern und nachschauen, was als Nächstes kommt. Bekomme ich den Job? Was wird aus der Diagnose? Finden die zwei nochmal zueinander?
Manches beantwortet sich schnell, es löst sich plötzlich auf. Aber auf viele Fragen im Leben gibt es keine Antworten. Auch nicht im Nachhinein. Zumindest nicht in diesem Leben.
Wir sind es gewohnt, vieles selbst in der Hand zu haben und über unser Leben zu bestimmen. Wir versichern Haus und Hof, denn es könnte ja etwas passieren. Es fällt uns schwer, das Ungewisse auszuhalten.
Wie erst soll es uns dann mit dem Glauben gehen? Wie mit Gott?
Gott können wir nicht sehen – und verstehen…
Das Alte Testament erzählt eine besondere Geschichte von Mose.
1. Mose 23,17b-33
 
Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.
Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!
Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.
Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.
Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.
Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.
Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.
 
Es geht in dieser Geschichte nicht darum, wie Gott genau aussieht. Hier geht es um die Blickrichtung, Laufrichtung, Lebensrichtung. Es geht darum, dass Mose Gott nicht fassen, nicht vorhersagen kann. Er hat keinen Einblick in seine Pläne, seine Wirkung. Das macht ihn unsicher.
Mose macht mit Gott unglaubliche Erfahrungen. Er erlebt den dramatischen Auszug aus Ägypten, einige besondere Geschichten auf der Wüstenwanderung, er erhält von Gott die Steintafeln mit den Geboten und er erlebt die große Enttäuschung über das goldene Kalb, das sich die Israeliten während seiner Abwesenheit gebaut haben.
Mose erlebt, wie Gott das Volk Israel tagsüber durch die Wolkensäule und nachts durch die Feuersäule begleitet. Mose erlebt einen sichtbaren, nahen Gott.
Das müsste ihm doch reichen! A Doch Mose will mehr. Mehr als nur Gott erfahren, spüren und hören. Er will ihn sehen, durchschauen, begreifen, gegebenenfalls ihm in seine Pläne hineinreden: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen“
 
Er will wissen, wie es weiter geht. Hält Gott trotzdem zu ihm und seinem Volk? Mose ist am Ende mit seinen Kräften und verhandelt mit Gott: „Du willst, dass ich dein Volk führe, zeig mir dann wenigstens deine Pläne. Sag mir, wie ich das Volk führen soll. Wohin soll ich gehen, was soll ich vermeiden –so ähnlich klingt Moses Forderung. Ich will genau wissen, was uns erwartet und wo es lang geht. Ich will genau wissen, wie es ausgeht.“
 
Ich kann diesen Wunsch sehr gut nachvollziehen. Wie oft wünsche ich mir zu wissen, wie es in meinem Leben weiter geht. Wie sieht meine Zukunft aus? Sind meine Entscheidungen richtig oder falsch? Ich möchte gern Gott sehen. Ihn begreifen. Ich möchte Antworten auf meine Fragen haben. Ich möchte Hilfestellung bei Entscheidungen.
Aber Gott verweigert solche Wünsche. Er lässt uns nicht in die Zukunft, in seine Pläne blicken. Er gibt uns auch keine Anleitung in die Hand.
Er sagt: „Ich bin bei dir. Ich gehe mit dir und vor dir.“
Gott lässt sich nicht vereinnahmen, auch nicht durch unsere Gedanken. Er ist immer anders als wir. Größer und Glanzvoller. Wir können ihn nicht erfassen. Das erzählt diese Geschichte aus tiefster Vergangenheit. Und sie lässt zugleich offen, ob es nicht auch für uns dann und wann möglich ist: Gott hinterher zu schauen und all seine Güte an uns vorübergehen zu lassen

Gott lässt seine Güte und seine Herrlichkeit da und dort hindurchscheinen. In meinem Leben und meinem Alltag. In Geschichten und Erlebnissen. In Begegnungen mit Menschen. In Gesprächen und Erinnerungen.
Gott begegnet mir, wenn ich abends in der Stille alles in seine Hand lege und erleichtert einschlafen kann.
Wenn ich in die Weite des Meeres blicke und die Kraft in meinen Körper und meine Seele zurückkehrt.
Wenn die Farben eines herbstlichen Waldes von der Sonne angestrahlt werden und golden glänzen.
Wenn ich zurückblicke auf mein Leben, entdecke ich Gottes Spuren. Und ich ahne, dass Gott mich getragen hat. Als es schwer war. Als es dunkel war. Er gab mir Kraft, um aus den dunklen Tälern herauszukommen. Er schickte Menschen, die mir zur Seite standen. Er war da auch wenn ich ihn nicht gemerkt habe. Er ließ seine Güte und seine Herrlichkeit an mir vorbei ziehen. Immer und immer wieder.
 
Am Ende jedes noch so spannenden Buches gibt es eine Auflösung. Bis dahin kann ich geduldig lesen, Seite für Seite oder direkt zur letzten Seite springen und an der Spannung vorbei das Ende erfahren.
Bei Gott ist es anderes. Ihn kann ich nicht beeinflussen, nicht begreifen. Ich kann mein Leben nicht vom Ende her betrachten, um zu begreifen. Ich kann nichts beschleunigen, auslassen, wiederholen.
Aber ich kann ihn immer wieder entdecken und staunen, seine Güte vorbeiziehen lassen und ihm hinterherschauen. Und neu vertrauen.
Und ich vertraue darauf, dass Gott mich begleitet. Dass er in den spannendsten Augenblicken, in den Verflechtungen meines Lebens bei mir ist. Ich vertraue darauf, dass er mich durch schwere Zeiten trägt. Ich vertraue darauf, dass er das Leben und auch das Ende in seiner Hand hält. Dass er mich seine Güte und seine Herrlichkeit spüren lässt.
 

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