Januar

Glanz der Welt

Gott ist in der Welt: Mit der Taufe Jesu wird sein Wirken öffentlich erfahrbar (Orientierung an den Sonntagen nach Epiphanias)

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Göttliche Zeichen:

Psalm 100
EG 325 | Sollt ich meinem Gott nicht singen
EG   70 | Wie schön leuchtet der Morgenstern

Predigt:

Das wird mein Jahr

Autorin: Mirjam Steinebach
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Das wird mein Jahr! Dieses Jahr wird alles anders, dieses Jahr wird alles richtig gut! Zugegeben, das Jahr ist inzwischen schon ein paar Tage alt, und das ein oder andere Mal beschlich mich in den letzten Tagen schon der Gedanke, dass das doch nichts wird. Drei mal den Bus verpasst. Schnupfen eingefangen. So groß scheint mir der Unterschied zu jedem anderen Jahr bisher nicht. Es läuft nicht übermäßig gut. Aber ich bin noch nicht bereit, meinen Optimismus aufzugeben. Ich halte an meinem Mantra fest: Das wird mein Jahr. Die Anlaufschwierigkeiten ignoriere ich kurzerhand. Dieses Jahr wird richtig gut!
 
Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andere Ufer fahren.
Das wird mein Jahr. Das dachte sie sich auch. An diesem Morgen aber wollte sie gar nicht erst aufstehen. Die Vorstellung, es durch diesen Tag schaffen zu müssen: Wie soll das bitte gehen? Sie sieht was sie alles schaffen muss zwischen jetzt und ihrem Feierabend. Es sind so viele Punkte auf ihrer To-Do-Liste, bevor sie am Abend endlich wieder durch die Tür in ihre eigenen vier Wände gehen kann. Arzttermin, Personalgespräch, Geburtstagskaffee bei der ach so ungeliebten Cousine. Immerhin: sie ahnt, wie anstrengend es wird. Ihr dickes Fell zieht sie beim Rausgehen noch schnell über.
Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, dass das Boot schon voll wurde.
Als sie beim Geburtstagskaffee sitzt, kann sie es immer noch nicht glauben. Wie taub sitzt sie da. Die Stimme ihres Chefs klingelt ihr immer noch in den Ohren. „Umstrukturierungen… Effizienzsteigerung… bedanken uns für Ihre wertvolle Arbeit…“ Und jetzt? Wie soll es weitergehen nach der Kündigung? Was soll aus ihr werden? Noch eine Tasse Kaffee? Wie soll sie ihre Miete bezahlen? Wo kriegt sie einen neuen Job her? Noch ein Stück Schwarzwälder Kirsch? Zu viel. Viel zu viel. In ihrem Kopf spielt sich ein Horrorszenarium nach dem nächsten ab, und zu allem Überdruss überfluten ihre Verwandten sie mit ihren eigenen Erfolgsgeschichten. Die Cousine hat ja gerade erst ein neues Haus gekauft. Neubau. Großer Garten. Und die dazu passenden Möbel hat sie auch schon. Alles ist perfekt - für die Cousine. Sie selbst kann nicht reden. Sie hat das Gefühl, wenn sie jemand antippt, fällt sie auseinander, bricht in Tränen aus. Die Blöße will sie sich nicht geben. Aber sie merkt wie es sie zerreißt. Kann es nicht einfach aufhören? Kann es nicht einfach ein böser Traum sein, aus dem sie langsam aufwacht?
Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Als sie die Straße runter geht, ist es bereits dunkel. Das Taubheitsgefühl ist nicht verschwunden. Im Gegenteil. Als ob sie gar nicht mehr in ihrem eigenen Körper wäre. Das wäre in der Tat das Beste. Sie will diesen Weg nicht gehen, der sich vor ihr eröffnet. Sie will all diese Bewerbungen nicht schreiben, sie will auch nicht durch all die Assessments durch. Sie möchte nicht bewertet werden, sich nicht beweisen müssen. Es graut ihr davor. Und dann kommt auch noch der Zeitdruck dazu. Wohnung, Essen, Leben – das will alles bezahlt werden. Auch noch in zwei Monaten, wenn sie ihren Job nicht mehr haben wird. Sie will das alles nicht. Und dann klingelt ihr Handy. „Hey du, hattest du auch so einen miesen Tag wie ich? Ich habe wirklich keine Lust mehr – ich muss mal raus. Allein würde ich mich komplett zerfleischen. Egal, wie geht’s dir? Willst du es mir nachher erzählen? Ich komme rüber, wir machen es uns gemütlich und tun so, als ob die Welt da draußen nicht so grausam ist wie sie sich heute anfühlt?“
Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.
Das wird mein Jahr! Kann ich das eigentlich so naiv sagen? Ich rede davon, all die kleinen Unglücke zu ignorieren, um weiterhin an diesem Mantra festhalten zu können: Das wird mein Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht bei diesen kleinen Unglücken bleibt und noch einmal richtig dicke kommt, ist einfach ziemlich groß. Wenn ich meinen Blick in die Vergangenheit werfe, dann passt da eher der Satz „Ein Unglück kommt selten allein“. Dann spreche ich mit diesem Mantra eher eine Hoffnung aus. Ein Hoffnung, die für mich so wichtig ist, dass ich mich nicht von Fakten verwirren lassen möchte. Einmal möchte ich am Ende des Jahres dastehen und sagen „Das war mein Jahr“. Vielleicht ist es gar nicht naiv davon zu träumen. Vielleicht ist es nur naiv zu denken, dass es nicht mehr „mein“ Jahr ist, sobald die erste Krise um die Ecke kommt. Unter einem guten Jahr verstehe ich nicht allein eines, durch das ich unbeschadet durchkomme. Darunter verstehe ich vielmehr ein Jahr voller Leben. Ein Jahr volles Leben. Dazu gehören die schwierigen Momente ebenso sehr wie die Glücksmomente. Dazu gehört vielleicht eine Kündigung. Aber es gehört auch der Freund oder die Freundin dazu, die den Rücken stärkt. Dazu gehört vielleicht Abschied und Schmerz und Trauer. Aber es gehört auch Heilung, Trost und Hoffnung dazu. Naiv wäre es, zu denken, dass ich an Schmerz und Trauer vorbeikomme. Dass ich daran vorbeikommen muss, um ein erfülltes, ein geglücktes Jahr zu erleben. Überhaupt nicht naiv ist es, auch die Irrwege des Lebens zu gehen, sie als Teil von mir zu begreifen. Wenn es so richtig dicke kommt, will ich lieber nicht Ich sein. Ich will mich nicht mit dem auseinandersetzen, was da gerade auf mich einbricht. Ich sehe kein Land und keine Hilfe. Und dann ist das auch nicht der Moment, in dem ich von „meinem“ Jahr rede. Da ist mir mein Mantra genauso fern wie mein Gott. Dann sind meine Augen ganz auf mein Unglück gerichtet. Dann bin ich nur damit beschäftigt, nicht unterzugehen. Aber wenn es weitergeht, wenn ich Unterstützung sehe und merke, dass ich weiter machen kann, dann sehe ich nicht nur meine Schwäche, dann sehe ich auch, dass ich stark war. Dann sehe ich, dass ich in den dunkelsten Momenten nicht alleine bin, sondern getragen werde – von Freundinnen und Freunden und von Familie. Nicht zuletzt getragen von meinem eigenen Glauben an den, der all meine Mühen und Sorgen sieht und sagt: „Das wird dein Jahr.“
Da gehört schon eine Menge Mut dazu, durch das Jahr zu stapfen und an dem Mantra festzuhalten: „Das wird mein Jahr.“ Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass das alleine geht. Niemals kann ich mit Scheuklappen durch die Welt laufen, den Blick immer nur auf mich und meinen Lebensweg gerichtet, und an Silvester mit mir selbst darauf anstoßen, dass ich es geschafft habe. „Das war mein Jahr“ bleibt mir im Hals stecken, wenn ich rechts und links sehe, wer alles auf der Strecke geblieben ist. Für die Frau aus der Geschichte war das Licht im Dunkeln der Nacht nicht der neue Job, es war der Anruf. Dieser Anruf, der sie aus ihren Gedanken, aus ihren Sorgen gerissen hat. Nichts davon und wohl auch nicht der anschließende Abend hat ihr diese Sorgen genommen. Aber sie fühlen sich doch anders an. Nicht gut, aber erträglicher. Nicht angenehm, aber zu bewältigen. Irgendwie eben. Sie wird es schaffen, nicht nur durch den Tag und den Monat. Sie wird es schaffen durch das ganze Jahr und darüber hinaus. Erinnern Sie sich an die Freundin? Auch sie hatte einen schlechten Tag. Wer weiß was ihr passiert war. Als sie anrief, war sie am Ende selbst auf der Suche nach Hilfe. Vielleicht war es ihr Hoffnungsschimmer, sich am Ende des Tages bei ihrer Freundin ausweinen zu können, ihren Schmerz zu teilen. Hoffnung hat sie angetrieben.
Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Und sie fürchten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!
Es ist diese Hoffnung, die auch mich antreibt. Und sie kommt nicht von irgendwoher. Sie erwächst aus dem Glauben an den einen, dem Wind und Meer gehorsam sind. Weil ich daran glaube, dass es auf dem Meer des Lebens nicht beliebig zugeht, wage ich mich weg vom Ufer. Weil ich daran glaube, dass ich auch im schlimmsten Unwetter nicht ertrinke, weil Gott für mich sorgt, wage ich mich weg vom Ufer. Gott sorgt für mich. Und das befreit mich, mich nicht nur um mich zu sorgen, sondern um meinen Nachbarn und meine Nachbarin, meine Kollegin, meinen Chef, einfach die Person, die einen Hoffnungsschimmer gebrauchen kann. Wie großartig wäre es wenn ich gar nicht mehr sagen müsste: „Das ist MEIN Jahr“. Wie wäre es mit „Das ist UNSER Jahr?“ Amen.
 

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