Dezember

Sehnsucht nach Fülle

Sehnsucht nach der heilen Welt: Eschatologie, Maria, Geburt Jesu, aber auch Wendezeit: Rückblick und Hoffnung ins Unbekannte

Predigt:

Und doch Advent

Autorin: Constanze Lenski
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Advent. Wir stimmen uns ein auf das kommende Weihnachtsfest. Wir erinnern uns an die Geburt Gottes, doch zugleich erinnern wir uns an die noch ausstehende Wiederkunft Christi. Letzteres nimmt der Predigttext auf und zeichnet die Vorboten des nahenden Gottesreiches mit drastischen Bildern vor Augen. Die Predigt bewegt sich in der Spannung der Advents(vor)freude und des angekündigten Weltenchaos. Zunächst nimmt sie die Stimmung des Adventes auf und führt dann in die Tiefe des Leids. Von dort aus schauen wir auf das Licht, Gottes Erlösung, indem wir „die Häupter erheben“.
Vorschlag: Das Entzünden und Löschen einer Kerze könnte das Gehörte visualisieren und somit verstärken. Passende Stellen dafür sind in der Predigt vermerkt.
 
            I. Advent
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Advent. Die heimliche Zeit beginnt - langsam. Die Tage werden kürzer und es wird immer kühler, doch in den Stuben ist es wohlig warm. In den Fenstern leuchtet es. Weihnachtssterne und Schwibbögen erhellen die Finsternis und kündigen von dem bevorstehenden Weihnachtsfest. Lichter in der sonst so finsteren Welt. Lichter der Sehnsucht nach Frieden und Heil.
Sonntag für Sonntag, Kerze um Kerze, die auf dem Adventskranz entzündet werden, bringen uns einen kleinen Schritt näher zu dem, den wir erwarten. Und wir – wir sind mittendrin – mit dem Advent auf dem Weg.
            à Kerze entzünden
Eben noch haben wir den Verstorbenen gedacht und Ewigkeitssonntag gefeiert. Das alte Jahr ist vorüber gegangen und nun ist ein neues Kirchenjahr angebrochen. Eben noch hat uns die Vergangenheit bestimmt, die Erinnerung an die, die von uns gegangen sind und nun warten wir, erwarten wir die Ankunft. Advent.
Am Heiligen Abend erinnern wir uns und feiern, dass Gott Mensch wurde. Doch zugleich werden wir daran erinnert, dass wir sein Kommen, seine Wiederkunft, erwarten.
Doch wollen wir wirklich, dass er kommt?
Ein düsteres Bild zeichnet und das Lukasevangelium vor Augen. Was vor seinem Kommen alles geschehen wird - ein Weltuntergangsszenario.
Im 21. Kapitel seines Evangeliums schreibt Lukas:

            II. PT
25Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 27Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
29Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. 31So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. 32Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.
 
            III. Die Zerstörung unserer Heimlichkeit
Jäh zerrissen wird die Heimlichkeit der leuchtenden Kerzen, die wohlige Wärme. Die Kerzen werden ausgeblasen durch die angsteinflößenden Worte.
            à Kerze löschen
Meine Seele braust und wogt wie das Meer. Angst tritt an die Stelle der Vorfreude auf das Kommende. Am liebsten würde ich gern die Augen davor verschließen. Sie fest verschlossen halten in der finstersten Finsternis des Kommenden.
Doch egal wie fest ich meine Augen verschließe, wie sehr ich meinen Blick von der Welt abwende, schützend meine Hände um den Kopf legen mag: Es tost um mich herum.
 
Treibt der Feigenbaum des Unterganges bereits Blätter? Ich schaue in das vergangene Jahr. Knospen des Unheils sind in der Welt ausgetrieben – wuchsen heran im vergangenen Jahr.
 
Nationalsozialistische Gedanken finden wieder in den Herzen vieler Menschen fruchtbaren Acker und fangen an zu blühen. In Deutschland - in der Welt: Vor einer Synagoge in Pittsburgh stehen Sterne und Blumen in Gedenken an die elf Opfer des Attentats vom 27. Oktober.
Menschen fliehen vor den Schrecken des Bösen, dem Krieg, dem Terror. Viele von ihnen warten an den Grenzen. Warten, dass es in ihrem Dunkel Licht wird.
Fliehen vor der Dürre. Fliehen vor dem Regen. Fliehen vor dem Hunger.
Sie dürsten in der Hitze – dürsten nach lebendigem Wasser.
Das Meer braust und wogt. Unendliches Leid – durch Menschen verursacht – durch Naturerscheinungen verursacht. Vor den verschlossen Augen der Welt schreien die Stimmen des Leids zum Himmel und sehnen sich nach Händen, die ihre Tränen abwischen.
Sind das die Zeichen des Endes?
 
            IV. „Trotzdem Ja zum Leben sagen“
Wie kann ich mich im Kerzenschein des Advents voller Vorfreude auf dem Heiligen Abend freuen, wenn mit Brausen und Toben vor meinen Türen die Finsternis sich ausbreitet? Welchen Sinn sollte das haben?
 
Ich hebe meine Augen, blicke zurück auf die Generationen, die vor mir gelebt haben, auf das Leid, dass sie erdulden mussten, und wie sie damit umgegangen sind. Schaue ich zurück so sehe ich Kriege: der 2. und der 1. Weltkrieg, der 30-jährige Krieg und mehr und mehr.
Doch trotzdem. Aus den verschiedenen Zeiten sind uns Zeugnisse von Menschen überliefert, die klagten, fragten und trotzdem „Ja zum Leben sagten“.
Paul Gerhardt, Johann Daniel Falk oder Viktor Frankl sie sahen ein Licht in der Finsternis ihres Lebens. Davon erzählen sie in ihren Liedern. Ihre Worte hallen durch Raum und Zeit an meine Ohren.
 
Einer, der spricht, ist Viktor Frankl, ein jüdischer Arzt, der die Shoa, den Holocaust, überlebte.[1]
 
Frankl schrieb ein Buch über seine Erlebnisse. Es trägt den Titel „Und trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“[2]. Wer war dieser Mann? Und wie konnte er trotz seines unermesslichen Leids, solche eine Hoffnung in sich tragen?
 
Viktor Frankl wurde 1905 in Wien geboren und studierte nach dem Abitur Medizin. Bereits in der Schule interessierte er sich für Psychologie und so wurde es auch im Studium sein Schwerpunkt. Nach den ersten Jahren als Arzt wurde er Oberarzt und behandelte in einem Wiener Fachkrankenhaus Patienten mit psychischen Erkrankungen. Doch die Eingliederung Österreichs im März 1938 in das nationalsozialistische Deutsche Reich schränkte auch zugleich seine Arbeit ein. Ihm als Juden wurde verboten, „arische“ Patienten zu behandeln.
Doch er half weiter, behandelte Menschen bis zu seiner Deportation im September 1942. Drei Jahre - drei Jahre seines Lebens musste er in Konzentrationslagern verbringen, erst in Theresienstadt, dann Auschwitz, Kaufering und schließlich Türkheim. Am 27. April wurde er dort von der US-Armee befreit. Seine Eltern und seine Ehefrau Tilly erlebten die Befreiung nicht. Sie starben.
 
Dieser Mensch, der so viel Leid und Böses durch andere erleben musste, hielt trotz dessen am Leben fest und schrieb in nur neun Tagen nach seiner Befreiung sein Buch: „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ Es wurde zum Bestseller weltweit. In 26 Sprachen übersetzt, wurde es über 12 Millionen Mal verkauft.
 
In seinem kleinen Buch beschreibt er seine Erlebnisse im Konzentrationslager aus der Sicht eines jüdischen Psychologen. Er erzählt von den Auswirkungen der Deportationen auf die Menschen, den Beziehungen zwischen Häftlingen und Wärtern und das Leben an den lebensverneinenden Orten.
Er wollte mit seinem Buch weder Mitleid erregen, noch Anklage erheben.
Seine Erinnerungen sollen Kraft zum Leben geben.
 
Das wegweisendste Erlebnis für Frankl war die Erfahrung, dass es auch unter den unmenschlichsten Bedingungen des Lebens möglich ist, einen Sinn im Leben zu sehen.
Er sagt: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.[3]
Sein „Warum“, sein Ja zum Leben, sein Wille, die Schrecken des KZ überleben zu wollen, war seine Sehnsucht vom Halten von Vorlesungen. Er wollte wieder vor seinen Studenten stehen, wieder an der Universität lehren, junge Menschen unterrichten. Dieses Warum hält ihn in der Schreckenszeit am Leben. Er richtet seine Augen nach vorn, auf die Zeit danach, resigniert nicht, sondern sagt Ja. 
Ja inmitten der Hoffnungslosigkeit,
Ja inmitten des Wütens der Schreckensherrschaft,
ein Ja hineingesprochen in die Finsternis.
Ein Ja voller Hoffnung.
 
            V. Und doch Advent
Ich höre Frankels Ja in meinen Ohren. Sein Leben, seine Erfahrungen erschrecken mein Herz und zugleich berührt mich seine Hoffnung. Er sagt es inmitten für mich von unvorstellbarem Grauen. Könnte ich das?
Ich richte meine Augen aus der Vergangenheit Richtung Zukunft, sie schauen auf das, was uns umgibt. Heute. Hier. Eine Welt, in der das Leid und die Hoffnung immer noch miteinander unterwegs sind. Mal als erhellte Finsternis, mal als finsteres Licht.
Das Meer braust und wogt. Unendliches Leid – durch Menschen verursacht – durch Naturerscheinungen verursacht. Im Großen, vor den Türen, im Kleinen, hinter den Türen, in eines jeden Lebens.
 
Doch meine Augen sehen noch mehr. Inmitten der Finsternis scheint ein Licht.
à Kerze entzünden
Es war nie verloschen. Es brannte, auch wenn ich es nicht wahrgenommen habe. Es ist das Nein zu dem Leid, das Nein zu dem Grauen, das Nein zu der Hoffnungslosigkeit.
Gott selbst hat das Licht entzündet.
Er selbst sagt Ja. Ja zum Leben, ja zu deinem Leben. Er ist das Licht in der Finsternis der Welt.  In der Ferne des Heiligen Abends brennt es. Es hat nie aufgehört zu leuchten. Es erinnert uns an sein Kommen, erhellt unseren Weg durch diese Welt mit seinen freudigen Zeiten, mit seinen traurigen. Doch es brennt. Keine Worte, kein Brausen und Toben des Meeres können dieses Licht löschen. Wir haben seine Verheißung – das Licht wird weiter scheinen. Es kündigt vom Anbruch des Morgens in der Nacht der Welt.
 
Und ich erhebe meine Augen, schaue auf ihn. Meine Füße tappen nicht mehr durch die Dunkelheit. Er erhellt meinen Weg, dass mein Fuß sicher treten kann. Ja, der Weg ist nicht immer ebenmäßig. Da sind Steine, oft auch Felsen, Tiefen und Höhen, die ich überwinden und aushalten muss, doch ich brauche mich vor ihnen nicht zu fürchten.
Irgendwann, ja irgendwann wird dieses kleine Licht über alle Welt scheinen. Ich hoffe fest darauf.
Und heute? Heute kann ich zuversichtlich, voller Vertrauen dem adventlichen Licht entgegen gehen. Mich von ihm ganz erfüllen lassen von der Vor-Freude, denn es spricht zu mir: Sieh auf und erhebe dein Haupt, deine Erlösung ist nah.
Amen.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 


[1] Am 09. November jährte sich zum 80. Mal die Reichspogromnacht.
[2] Frankl, Viktor, … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, 1982.
[3] Doku mit und über Frankl auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=TFVCS6q5uIo&t=3s

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