Dezember

Sehnsucht nach Fülle

Sehnsucht nach der heilen Welt: Eschatologie, Maria, Geburt Jesu, aber auch Wendezeit: Rückblick und Hoffnung ins Unbekannte

Predigt:

Adventszeit

Autorin: Kerstin Baderschneider
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Adventszeit von Kerstin Baderschneider
 

Liebe Gemeinde,
der Advent hat leise Einzug gehalten.
Schon vor einigen Tagen mischte er sich ins Novembergrau. 
Die ersten Lichterketten wurden aufgespannt, Weihnachtsbäume aufgestellt. 
Heimlich wurden Adventskalender gebastelt und Sterne in die Fenster gehängt. 
In der Fußgängerzone duftet‘s jetzt wieder nach Bratwurst und gebrannten Mandeln.
In den Ohren klingen Jingle Bells und Last Christmas. 
Wir bummeln über den Weihnachtsmarkt und wärmen unsere Hände am Glühweinbecher.
Leise hat der Advent Einzug gehalten und ab jetzt wird alles richtig Fahrt aufnehmen. Das wissen wir. Das ist alle Jahre wieder so. 
Schnell noch Plätzchen backen. Fürs Schrottwichteln im Büro das hässlichste Stück aussuchen. Wir planen das Weihnachtmenü und wer wann wen besucht an den Feiertagen. Wir versuchen alle Termine auf die Reihe zu kriegen. Wann war noch die Schulaufführung? Und wann die Weihnachtsfeier vom Sportverein? 
Am Samstag stürzen wir uns ins Gedränge. Die Geschäfte voll. Voll auch die Wunschzettel und die Einkaufslisten. 
 
II 
Erst hatten sie es gar nicht bemerkt, aber dann wurde es immer deutlicher. Da war ein Pochen. Ein Klopfen. Es mischte sich in Gespräche. Es unterbrach den Griff zum Warenkorb. Es ging quer zum einlullenden Rhythmus der Musik. 
Hinter der geschäftigen Oberfläche des Alltags geriet plötzlich etwas in Bewegung.
Erst versuchten sie es zu überhören. 
Aber du kennst das ja: Sobald man weiß, dass da etwas ist, klappt es nicht mehr mit dem Ausblenden. Spätestens, wenn du zur Ruhe kommst, ist es wieder da. 
Da fand einer von ihnen einen Brief. Die Adresse stimmte. Er öffnete und las ihn den anderen vor. 
Hört, was geschrieben steht im Buch der Offenbarung:
 
 14 Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 
15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! 
16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 
17 Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. 
18 Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. 
[19 Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße!]
20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. 
[21 Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron.]
22 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! 
 
III 
Rätselworte sind das. Sperrig. Passen so gar nicht zu unserer Adventserwartung. 
Und sie sind völlig konträr zu einem Lebensgefühl, das sagt: Mir geht es gut, danke. Alles ok bei mir.
In Laodizea jedenfalls lief alles glänzend. Handel und Gewerbe florierten. Die Stadt galt in der Gegend als Zentrum der Heilkunde und der Textilindustrie. Es gab Banken und Geschäfte, Wissenschaft und Forschung. 
„Ich bin reich, ich brauche nichts“. Das sollen die Stadtoberen den Römern geantwortet haben, als diese nach dem schweren Erdbeben eine großzügige Wiederaufbauhilfe angeboten hatten. Ich bin reich, ich brauche nichts. Das Spiel lief gut für Laodizea. 
Doch dann kommt einer, klopft und nimmt eine verdeckte Karte aus dem Stapel. Ich kenne dich, steht darauf. Du bist elend und arm und blind und nackt. 
Und dieser Spielverderber hat einen Namen: Er nennt sich „Amen“. Treuer und wahrhaftiger Zeuge. Anfang der Schöpfung Gottes.
Es geht ihm ums Prinzip. Um das, was aller Schöpfung zugrunde liegt. Und offenbar läuft das Spiel in Laodizea gegen dieses Prinzip. Da wuchert etwas unter der glatten, glänzenden Oberfläche. Eine selbstzufriedene Sattheit. 
Sie sind stolz auf ihr Wissen. Sie genießen den Reichtum. Es geht ihnen ums Dazugehören und Mithaltenkönnen. Sie tauchen ein ins bequeme Leben und verlieren sich in Geschäftigkeit. Sie machen faule Kompromisse und sind sich selbst genug.
 
IV 
Du merkst es nicht immer gleich, wenn dein Leben schal wird. Der Kalender ist mit Terminen gefüllt. Du hast eine schöne Wohnung und einen vollen Kleiderschrank. Auf der Arbeit läuft es und in der Familie auch. Du bist gesund, „waswillmanmehr!“. Du hast alles, was du für ein gutes Leben brauchst. 
Nur manchmal merkst du so eine seltsame Unruhe. Wie ein kurzes Pochen. 
Plötzlich fühlt sich das Leben an wie ein kalt gewordener Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt oder wie abgestandene Cola bei 30 Grad. Lauwarm. Richtig fad. Irgendwie zu wenig Leben drin im Leben trotz all dem ganzen Drumherum. 
Ich kenne dich, sagt einer. Und er weiß, wie schief die Dinge manchmal liegen können. Dass sich manchmal unter dem größten Reichtum Armut verbergen kann und sich hinter der Armut manchmal ein ungeahnter Reichtum findet. 
Ich kenne dich, sagt er. Und: Ich gebe dir deine Lebendigkeit zurück. 
 

Und dann stellt er sich mitten rein. Steht auf dem Marktplatz in Laodizea und in […]
Steht zwischen Kleiderstangen, gebrannten Mandeln und Bienenwachskerzen. Und ruft: „Kauft“. „Kauft bei mir, was euer Leben lebendig macht.“ Gold, das euch wirklich reich macht. Kleidung, damit ihr euch wegen nichts mehr zu schämen braucht. Augensalbe, damit ihr euch selbst und die Welt mit den Augen Gottes seht. 
„Und was soll das denn kosten?“
„Nur dein Vertrauen.“
 
Christus steht da und bietet sich an. 
Trägt Spuren des Lebens an seinem auferstandenen Leib. 
Seine Priorität war immer die Liebe. Auch jetzt.
Zwischen all dem Rummel fragt er: 
Weißt du, was dir gut tut? Und weißt du, wie du anderen gut tun kannst? 
Was brauchst du wirklich?
Was zählt im Leben?
Kannst du dich eigentlich selber lieben? Auch mit dem, was sich manchmal ganz armselig anfühlt hinter der lächelnden Fassade?
Wonach sehnst du dich? 
 
Sei nicht lau. 
Sei jemand mit Profil, mit Ecken und Kanten.
Was musst du ausmisten aus deinem Leben?
Lass dir nichts auftischen und stopf nicht alles in dich hinein. 
Trau dich, nein zu sagen. 
Setz die richtigen Prioritäten.
Trau dich, eine klare Haltung zu haben, wenn es irgendwo gegen Gottes Willen geht.
 
VI 
Es ist Advent.
Ankunftszeit.
Der Himmel gerät in Bewegung. Christus macht sich auf den Weg.
Hörst du schon was? 
Hinter dem Oberflächlichen, hinter Gemurmel und Gedränge, hinter Kassenpiepen und Autohupen und quer zum Rhythmus der Musik: Ein Pochen. Ein Klopfen. 
Unbemerkt erst. Aber beharrlich.
 
Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an, sagt Christus. 
Wenn du ihm aufmachst, kommt er zu dir.
Kommt in deine Wohnung und in dein Herz.
Setzt sich zwischen Listen und Gedanken, neben Plätzchenkrümel und Geschenkpapier.
Ihm ist egal, ob du schon adventlich gestimmt bist oder dir der ganze Weihnachtsrummel auf die Nerven geht. 
Er ist da und die Zeit bleibt stehen. 
Er sieht dich an. Und du spürst, dass er dich kennt. 
Deine Geschichte. Deine Sehnsucht. 
Deine Narben und all die Masken, die du aufsetzt, um dich zu schützen.
Er weiß, wie sehr du manchmal kämpfst und was dich sorgt. Gerade in diesen Tagen vor Weihnachten.
Er ist da und du wirst ganz leicht. Fast wieder wie damals, als du ein Kind warst.
Als die Welt noch einen Zauber hatte und keinen Gedanken kannte an übermorgen.
Er ist da und du merkst, wie sehr er dich liebt. Immer noch.
 
VI
Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird, und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. 
Der Tisch festlich gedeckt. Im Kamin prasselt das Feuer.
Es riecht nach Tannenzweigen und Bienenwachs und einem Festessen.
Wir sitzen zusammen und aller Stress fällt ab. 
Die reichen Leute aus Laodizea kommen. Und der kranke Nachbar aus dem 2. Stock. Drüben am Tisch sitzt der Typ mit dem Sportwagen neben der alten Dame mit dem ernsten Mund. Aber heute glänzen ihre Augen. 
Die junge Familie mit dunkler Haut singt fremd klingende Lieder. Ein anderer spielt Mundharmonika und die Kinder tanzen. 
Es ist alles bereit, sagt der der Amen heißt. Der treue Zeuge. Anfang von Gottes Schöpfung. Unser Bruder und Herr. 
Es ist bereit. Schmeckt und seht. Meine Liebe geht durch den Magen. 
 
Wer Ohren hat, der höre.
Amen
 

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