Februar

Jesus nachfolgen

Die Macht des Winters wird brüchig: neuer Aufbruch, neue Lebensfreude (Karneval, Fasching) und Ruf in die Nachfolge Jesu, die auch Grenzen setzt

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Grenzen erfahren:

Psalm 121
EG 346 | Such, wer da will, ein ander Ziel
EG 166 | Tut mir auf die schöne Pforte

Predigt:

Ein Sprung in die Pause

Autorin: Lars Hillebold
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Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen – es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
 
Ich könnte mir einen schöneren Predigttext vorstellen: für diese Jahreszeit, für die vorbereitenden Speisen und unserem Gefallen daran. Für einen Chor und alle Musiker samt Harfenspieler. Ich komme ins Grübeln über unsere Versammlungen.
 
Karneval kalauert. Wenn schon Harfenspiel nicht gerne gehört wird, was ist dann erst mit dem Hallamarsch. Rote Pappnasen treten in diesen Tagen auf und wieder ab. Zumindest im Karneval wird jeder reingelassen. Tischreihen schunkeln. Dabei habe ich noch die weihnachtlichen Lichterketten vor Augen. Die Spekulatius in der linken Wange. Das Lebkuchenherz vom Oktoberfest in der rechten. Immer das rechte Maß in der Hand oder heißt es die Maß?
Auf jeden Fall wandern wir mit „Laterne, Laterne“ an St. Martin durch den Stadtteil. Singen vertraute Lieder vor Seniorenheimen. „Atemlos“ an Heilig Abend. Ich weiß gar nicht, wie viele Steine ins Wasser gefallen sind bei Gras und Ufer. Jeden Sonntag um 10 Uhr stehen wir zu „Sonne, Wonne, himmlisch Leben“. Alljährliche „O Du Fröhliche“ „von guten Mächten“ in „stillen Nächten“ und am Ende muss ich hören und lesen: „Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder.“ Nach solchen Worten kann ich mir denken, dass er auch das „Geschwätz deiner Reden“ nicht hören kann!
 
Puh. Da ist ein Ausrufezeichen im Text. Eine Pause. Stille.
 
Es ströme aber das Recht wie Wasser ... Vielleicht ist es so: Wir brauchen weniger Redeschwall. Dafür mehr Wasserfall. Wie schwer ist es, dass erhoffte Wirkungen strömen. Wie leicht aber ist es, das Worte nur tönen. Wie schwer ist es, dass das geschieht, was ich rede.
Und wie leicht es ist zu reden, ohne dass sich etwas ändert.
 
Von Recht und Gerechtigkeit, Werten und Normen zu sprechen. Das können andere auch. Dafür braucht es nicht den spirituellen Unterbau, das kirchliche Bodenpersonal und auch den himmlischen Hofstaat nicht. Recht und Gerechtigkeit durchziehen Wahlkämpfe und Tarifverhandlungen. An Altären und Stammtischen verstehen Menschen unter diesem Wort Gerechtigkeit viel und verschiedenes.
Was auch immer an den Stammtischen vielleicht nur leise in Nischen gesagt wurde, erklingt inzwischen lauter. Es hat sich umgekehrt: Aus den Altären sind Nischen geworden. Die Frage, ob Gott überhaupt noch ist, ist es wirklich noch eine Frage? Und wenn, hilft dagegen dann ein Redeschwall oder braucht es das ganz andere: die Stille vor dem Wasserfall. Der Redeschwall ist unsere Versuchung. Gottes ist, dass das Recht ströme wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Darum gehört in jede Versammlung nach der Rede die Stille vor dem Strömen. Amos hat gesagt, was dran war. Ein Ausrufezeichen beendete seine Rede. Eine Pause. Die Stille der Redenden und der Hörenden.
 
Die Lieder verklangen bestimmt. Die geredet haben mussten erstmal schlucken. Stille breitet sich aus. Es ist der Moment, in dem einer Nichts tut und ihm doch alles zufällt. Es ist der Moment eines Abschieds; allzu fester Vorstellung, was Gott gefällt und was er will und was er tut und was er lässt. Es ist der Moment eines Sterbens, in dem die Versammlung nichts mehr tut und jedes Fest ruht. Ein Mensch alles sein lässt. Seine Arbeit sein lässt. Und das Feiern. Die festesten Argumente werden flüssig. Die Sicherheit vergeht. Aber auch die Angst.
Auch das Singen und Lachen und Weinen verklingt.
 
Das alles sein lassen.
Dann ist Gottes Sein alles.
Das alles sein lassen.
Dann ist Gottes Sein alles.
 
Das ist der Moment der Geburt des Christentums. Als am Kreuz alle vergangenen und zukünftigen Festlegungen Gottes sterben. Und die Menschen schweigen, bevor sie sich bekennen. Es ist ein Moment, vielleicht nur ein Hauch: Die Sprache verschied. Die Verständlichkeit, wie Gott ist, versickerte. Reden und Erklären hören auf. Im festen Gedankengebäude – sei es ein Tempel, sei es eine Kirche – klafft ein Loch. Das lässt sich nicht einfach zumauern. Diese Lücke bleibt. Und Die Herrschaft derer, die deuten, wie Gott ist oder auch die, dass er nicht sei, ist höchstens gewandert: von der Kirche zu den Einzelnen. Das hat die Reformation so gewollt. Und genau der Einzelne heute sieht das Loch in der Mauer. Er sieht die Unverständlichkeit Gottes. Und manch andere können auch die nicht mehr sehen. Will man ihnen das vorwerfen? Diese Lücke im Verständnis. Sie sehen keinen Gott. Den gibt es für sie nicht. Denn: Gott ist tot! – Ausrufezeichen. Strich. Punkt. So ist es.
 
Der Glauben braucht diesen Moment des Todes Gottes. Denn genau da wird Glauben neu auferstehen. Nach Liedergeplärr und ungemochtem Harfenspiel kommt ein Moment, bevor eine Einsicht mich überströmt. Dieser Moment ist ein Ausrufezeichen. Andersherum als ich ihn schreiben würde. Gott: Erst ein Punkt und dann ein Strich nach oben. Gott ist anders als meine Art ihn festzuschreiben.
 
Das Ausrufezeichen anders schreiben, damit es strömt. Ein Punkt und dann eine Bewegung nach oben. Da deutet sich ein Sprung sich an.
 
Springen ist mutiges Ahnen.
Leben auf manchmal schiefen Bahnen.  
Springen ist Wissen vor der Landung.
Manchmal tief hinein mitten in die Brandung.
Springen ist Lachen,
weil man die Pointe schon ahnt,
bevor der Witz sich naht.
 
Gott ist tot! Gezeichnet Friedrich Nietzsche, als er lebte. Viele Jahre später steht in einem Theaterstück geschrieben: Nun ist Nietzsche tot! Gezeichnet: Gott. Ich habe eine Ahnung. Doch unser Wissen von Gott ist eher das Loch im Mauerwerk. Ich bin Stückwerk: ich hätte gerne schlagermäßig „Liebe ohne Leiden“. Nach „Wunder gibt es immer wieder“ sehne ich mich. Ich will „Gott alles danken und ihn ehren“, aber hätte ich gerne das alles ohne Zweifel und ohne Krankheit. Auf den ersten Blick hätte ich gerne einen Gott, der sich so festlegt auf schwarz auf weiß, dass ich nur noch nachlesen muss. Aber Jesus sagte mir: folge mir nach. Ich bleibe in Bewegung und du darum auch. Ich nehme die Worte der Bibel in die Hand. Ich sehe schwarz und weiß. Meine Augen springen hinein und ahnen, wieviel mehr noch zwischen den Zeilen steht. Zwischen der einen Zeile, dass Gott unsere Feste und Lieder nicht will
und der anderen Zeile des strömenden Rechts steht: ein Ausrufezeichen. Eine Pause. Ein Punkt mit einer Bewegung nach oben. Das Reden hört auf. Stille.
 
Soll ich Glauben wagen? In dem Moment schaut einer durch die Lücke im Mauerwerk,
er lässt sie offen,
mauert nichts zu,
schaut nach mir.
Es ist ein Blick wie ein Ausrufezeichen.
Ein Standpunkt und eine Bewegung nach oben.
Folge mir nach!
Ausrufezeichen.
Ein Sprung.
 
Amen.
 
 
 

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